Mutters Jugendzeit

Nettetaler Spätlese. Zeitung für ältere Menschen Nr. 32 (2008)


Eine Großstädterin kommt 1912 in das Dorf Lobberieh

Wer hört nicht gern Geschichten aus Mutters Jugendzeit. Ich konnte nie genug darüber erfahren. Sie war die älteste von vier Geschwistern und eine geborene Kur. Ihr Vater, ein edler „Ostpreuße", betrieb eine von seinen Vorfahren geerbte Gaststätte in bester Lage zwischen Zechen und Hafen in Duisburg-Ruhrort. Da rollte der Rubel! Man stelle sich vor, der Schnaps floss aus dem Hahn!

Nach der Schulzeit kam meine Mutter für ein Jahr in eine Nonnenkloster-Schule, um dort die gute Küche, Nähen und feine Handarbeiten zu erlernen. Da sie ein ruhiges, anpassungsfähiges Mädchen war, ohne jemals Widerstand gegen seltsame Regeln des Nonnenregimes zu leisten, hatten die lieben Nonnen sie schon halb so weit, dass sie eine der ihren werden wollte. Meine Großmutter merkte bei einem Besuch das leise und zart eingefädelte Spiel und war derart entsetzt, dass sie kurz entschlossen ihre Tochter ohne Wenn und Aber mit nach Hause nahm. Sie hatte ihre Tochter dahin geschickt, damit sie fürs Leben etwas lerne und nicht, wie man Nonne werde.

So wurde sie nach der Episode im Kloster die beste Stütze ihres Vaters in der Gastwirtschaft. Besonders war ihre Hilfe nötig, wenn bei Schichtwechsel die vielen Kumpel zu bedienen waren. Man konnte nur staunen, wenn sie erzählte, dass zu bestimmten Zeiten 30 kleine Dümkes (kleine Schnapsgläschen) parat standen und die Kumpel, schwarz wie die Mohren, einen zur Brust nahmen, ehe sie heimwärts gingen.

Sie erzählte noch voller Stolz, dass keiner das Lokal verließ, ohne die 10 Pfennig hinzulegen. Ehrlichkeit war höchstes Gebot.

Mutter war ein freundliches, ruhiges Mädchen und allgemein beliebt, ohne sich an den blöden Witzen zu beteiligen. Man nannte sie nur Mariechen! Wenn der erste Sturm im Lokal vorüber war, gingen Vater und Tochter essen und meine Großmutter vertrat sie um die Mittagszeit. Da das in den Augen meiner Mutter kein schönes Familienleben war, hat sie alle Bewerbungen jüngerer Wirte abgewiesen, ehe sie meinen Vater kennen lernte.

Mein Vater war damals der älteste und charmanteste Junggeselle Lobberichs. Wie ich später hörte, hatte manche Jungfrau getrauert, als er sich ein fremdes Mädchen nahm. Mutters jugendliche Tante Olga heiratete den Gründer der jetzigen Baumschule Lappen in Kaldenkirchen, für mich war er immer der gute Onkel Adolf.

Nach dem plötzlichen Tod meiner Großmutter (leider habe ich die Großeltern nie kennen gelernt) fuhr meine Mutter für ein paar Tage nach Kaldenkirchen. Die eifrige Tante Olga nahm Mutter mit, weil sie unbedingt in Lobberich bei der Firma Strack etwas zu erledigen hatte. Da sah Mutter meinen Vater das erste Mal. Am nächsten Tag hatte mein Vater „dringend" etwas bei Lappen in Kaldenkirchen zu tun. Das war die zweite Begegnung.

Als Mutter wieder daheim war, kam zum Erstaunen und noch größerer Freude ein großer Rosenstrauß mit einem schriftlichen Heiratsantrag an, den sie auf schnellstem Wege bejahte. Darüber konnte ich mich später nicht beruhigen und sagte immer nur: Du kanntest Vater doch gar nicht, wie konntest du wissen, ob er der Richtige war. Sie lachte nur und meinte: Es war eben Liebe auf den ersten Blick, oder wie heißt es so schön: halb zog er sie, halb sank sie hin. So viel Romantik zu hören, machte mich einfach sprachlos.

Ein Jahr der Werbung und des sich noch besseren Kennenlernens verging. In der Zeit fuhr Vater jeden Sonntag nach Duisburg. Da er ein großer Freund der Oper war, hatte er dort Gelegenheit, sie öfters zu besuchen. Nach einem guten Jahr - während das Haus in Lobberich gebaut wurde - heirateten sie. Meine Mutter - ein städtisches Mädchen - zog nun aufs Land. Lobberich war 1912 noch ein Dorf. Mit bewundernswürdiger Energie und Geschick passte sie sich dem ländlichen Leben und Treiben an mit Vater als Jäger und allerlei Viehzeug wie Hund und Katze und noch kurz vor dem Krieg einem Schwein. Als Mutter eines Tages Vater bat, ein Huhn zu schlachten, das in dem Kochtopf landen sollte, muss er zum großen Gelächter seiner Sippe gesagt haben: „Nee schlachten nicht, ich kann dich wohl een scheete." (schießen).

Der Kummer meiner Mutter war, dass um sie herum kein Geschäft existierte. Nur Konrad Sassen, der mit seiner Schwester Sybilla in einem der Weberhäuschen auf unserer - damals hieß sie noch Verbindungsstrasse - wohnte, zog mit einem Bauchladen durch die Lande. Das war Mutter zu wenig. Und sie redete den Geschwistern zu, doch einen Laden zu eröffnen, denn ganz Rosental und Umgebung würden dann bestimmt Kunden werden. Und so geschah es auch. Lebensmittelgroßhandlung Bötzkes belieferte sie. Sie waren bekannt dafür, nur erstklassige Ware zu führen. Nun entstand zu Mutters großer Freude ein richtiges kleines Kaufhaus. Es gab nichts, was es nicht gab. Sogar strapazierfähige Stoffe für Arbeitsschürzen usw. konnte man kaufen. Genäht wurden sie von Sybillas Tochter Gertrud. Ein Anziehungspunkt wurde der Laden erst durch die interessante Nachbarschaft: nebenan Mathilde Hahnen mit Mutter (Frau Winnen), gegenüber der blinde Herr Körfers und Zanders, deren Sohn Max der spätere Abendgymnasiumsdirektor wurde, die herzensgute Paula Klövers und noch viele mehr, zum Teil miteinander verwandt.

Alle bildeten miteinander eine kleine Gemeinschaft, die sich besonders im ersten Weltkrieg bewähren sollte. Als hier in Deutschland alles knapp zu werden begann, starteten sie in Nacht- und Nebelaktionen und holten - da nahe an der holländischen Grenze - alles heraus, was hier dringend gebraucht wurde. Mutter mit drei kleinen Kindern (ich wurde 1917 geboren) konnte nicht dankbar genug dafür sein, dass sie Sassen und Companie mit gegründet hatte. Bis zum Schluss sind wir nicht nur gute, sondern auch treue Kunden geblieben. Wie einen Schock traf alle, die meinen Vater schätzten und noch mehr liebten, dass er schon mit 58 Jahren plötzlich und unerwartet von uns ging. Die Eltern hatten noch nicht einmal ihre Silberhochzeit gefeiert. Es war für mich der erste große Schmerz in meinem Leben. Ich konnte einfach nicht begreifen, dass ein so lebensfroher, liebenswerter Vater nicht mehr bei uns weilte. So ist das Leben: Ewig pendelt man zwischen Freude und Schmerz. Ewiges Glück kommt nur im Märchen vor.

Trotz kleiner Beschwerden in meinem hohen Alter und vieler Dinge, die das Leben mir an guten und bösen Tagen brachte, werde ich nie müde werden, das Leben zu lieben!

Wilhelmine Steinberg


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