Meine erste Rokal-Eisenbahn

Nettetaler Spätlese. Zeitung für ältere Menschen Nr. 31 (2008)


Weihnachten 1948 (oder 1949) drehte sie ihre Runden auf dem Gabentisch

Das Esszimmer mit den Chippendale-Möbeln, das für uns Kinder nur an hohen Festtagen geöffnet wurde, lag fast dunkel vor uns. Als sich die Glastüre öffnete, sahen wir einige Kerzen am Weihnachtsbaum. Und dann war da ein Licht auf dem Tisch, das sich bewegte und verschiedene Flaschen mit Hochprozentigem beleuchtete, hin und wieder gar durchleuchtete. Bei genauerem Hinsehen wurde dann deutlich, was da fuhr: eine Mini-Eisenbahn.

Das war meine erste Begegnung mit der Rokal-Bahn. Es wird wahrscheinlich Weihnachten 1948 gewesen sein, aber da will ich mich nicht hundertprozentig festlegen; es könnte auch 1949 gewesen sein. Ich weiß aber noch genau, dass es eine Eisenbahn war, bei der die Wagen noch mit einem Stift angekuppelt werden mussten - lästige Handarbeit. Deshalb hat mein Vater die Bahn einige Zeit später umgetauscht, als die neuen Kupplungen herauskamen, bei der man die Wagen nur aneinander schieben musste.

Wir wohnten damals auf der Jahnstraße (heute Steegerstraße) in Lobberich in der ersten Etage des evangelischen Pfarrhauses, das längst angebrochen ist. Wir wollten natürlich alle später Lockführer werden, zumal wir fast täglich einen leibhaftigen Lokführer vor uns sahen: Hermann Reimann, der der Opa von Wilfried Niederbröcker war, der unten im Parterre wohnte. Und Wilfried hatte eines Tages eine große Eisenbahn der Spur Null, die wir nur auf dem Fußboden aufbauen konnten, entweder unten im Niederbröcker'schen Esszimmer zwischen Tischen und Stühlen oder oben im Mansardenzimmer. Dazu wurden dann etliche Bücher herangeschleppt, denn die mächtige Lok sollte ja auch Berge bezwingen.

Der Traum war natürlich immer eine richtige Anlage auf einem Brett mit vielen Gleisen und Weichen, Tunneln und Bergen, Bahnhöfen, Häusern und Straßen. Rokal lieferte ja wunderschöne Gleispläne, die bei den damals noch sehr beengten Wohnverhältnissen auch machbar waren. Der Traum ist nie endgültig realisiert worden. Wir zogen von der Jahnstraße zur Friedenstraße und später zur Eduard-Istas-Straße. Dort gab es dann einen großen Speicherraum, der Begehrlichkeiten auf mehr weckte. Das schon halb fertige 80mal160-Brett ging an den Vetter Jürgen Voß in Bracht, dafür konnten ein viel größeres Brett und etliche Meter Schienen gekauft werden. Doch das Brett hatte einen Nachteil: es verzog sich, als einmal Schnee durch die Dachziegel drang (Wärmedämmung wie heute kannte man noch nicht). Aus der Traum - allerdings ließ auch die Schule nicht mehr genügend Zeit zur intensiven Beschäftigung mit der TT-Bahn.

Werksbesuch bei Rokal zu Beginn der 1950er-Jahre: Fritz Emme (rechts), einer der führenden Ingenieure des Unternehmens, führt Lobbericher Jugendlichen die neue Eisenbahn vor; mit dabei sind der Autor dieses Berichts (dritter von rechts) und Wilfried Niederbröcker (links neben ihm). Wer kennt die anderen auf dem Bild?

Knapp ein Vierteljahrhundert später habe ich Heiligabend noch einmal "in der Rotte" gearbeitet, habe Schienen auf einem Brett festgeschraubt und untendrunter Leitungen für die Weichen und Signale verlegt - Sohn Michael hatte sein Faible für Eisenbahnen entdeckt. Doch da war es keine Rokal mehr, sondern eine Märklin. Denn Rokal-Bahnen wurde längst nicht mehr produziert. Vor einigen Monaten habe ich nun meine Rokal-Bahn aus den 1950er Jahren wiedergefunden, immerhin hatte sie drei Umzüge überlebt: im Holzkasten mit der Abbildung des lächelnden Helmut Heymanns drauf. Ich werde sie jetzt als Kostbarkeit hüten.

Manfred Meis


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