Die Eisenbahn wurde nach 110 Jahren
allmählich zum alten Eisen

Nettetaler Spätlese. Zeitung für ältere Menschen Nr. 31 (2008)

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Mit großen Hoffnungen wurde 1868 die Bahnlinie Kaldenkirchen - Kempen begrüßt

Als vor zwei Jahren Kaldenkirchen sein 800-jähriges Bestehen feierte, wurde gleichzeitig auch an "150 Jahre Stadtrechte" und "140 Jahre Bahnhof Kaldenkirchen" erinnert. Denn im Jahre 1866 wurde die Eisenbahnlinie von Viersen über Dülken, Boisheim und Breyell nach Kaldenkirchen und Venlo fertig gestellt. Knapp zwei Jahre später, also vor 140 Jahren, dampften dann auch Züge auf der neuen Strecke zwischen Kaldenkirchen und Kempen. Während die Strecke Kaldenkirchen - Venlo bzw. Kaldenkirchen - Mönchengladbach weiterhin in Betrieb ist, gehört die Strecke Kaldenkirchen - Lobberich - Grefrath - Mülhausen - Kempen mittlerweile der Geschichte an. Personenzüge fuhren auf ihr nur 112 Jahre lang.

Im allerletzten Personenzug, der die Eisenbahngleise zwischen Kaldenkirchen und Lobberich befuhr, saß der kleine Vampir. Es war kein fahrplanmäßiger Zug, sondern ein Filmzug, der in der Abenddämmerung von Osten her in den Kaldenkirchener Bahnhof rollte. Das ist nun schon fast 20 Jahre her. Inzwischen gibt es die Gleise auch nicht mehr. Die Bahnstrecke zwischen Kaldenkirchen und Kempen, die am 1. Januar 1868 eröffnet worden war, gehört seit 2004 endgültig der Geschichte an, als die letzten Gleise demontiert wurden.

Der Lobbericher Bahnhof, wie ihn mancher noch in Erinnerung hat: Eine solche Postkarte wurde 1918 von Lobberich nach Oedt gesandt.

Welche Hoffnungen verbanden sich einstmals mit dieser Bahn! Man muss sich in die Zeit vor 170 Jahren zurückversetzen. In deutschen Landen herrschte Aufbruchzeit, seitdem es die Eisenbahn gab, seitdem die erste 1835 von Nürnberg nach Fürth gedampft war. Mit der Eisenbahn verband sich wirtschaftlicher und technischer Fortschritt, sie wurde zu einem Motor der Industrialisierung. Eisenbahnen wurden damals von privaten Gesellschaften errichtet.

Waren Krefeld, Viersen und Mönchengladbach schon Ende 1851 an das Eisenbahnnetz angeschlossen worden, dauerte es noch bis 1863, ehe nach langen Verhandlungen und Planungen die Strecke zwischen Krefeld, Kempen, Geldern und Kleve in Betrieb genommen wurde. Von Viersen über Dülken und Kaldenkirchen nach Venlo ging es erst 1866. Schließlich errichtete die Rheinische Bahngesellschaft unter ihrem Präsidenten Gustav Mevissen, der aus Dülken stammte, 1867/68 die Strecke Kaldenkirchen-Kempen.

Zur Streckenführung hatte es eine lange Debatte gegeben: nördlich um Grefrath herum oder südlich vorbei? Es siegte die südliche Variante: Mit dem Abraum des Schlibecker Berges, der durchquert werden musste, schuf man den Damm durch den Wittsee. Damals waren "italienische Hilfsarbeiter" mit den Erdarbeiten beschäftigt, wie Paul Brocher, zwischen 1920 und 1950 Leiter des Hazuptamtes der Gemeinde Lobberich, in einem Bericht festgehalten hat. "Die Bewohner der umliegenden Dörfer machten sonntags gerne ihre Ausflüge dorthin, um die gewaltigen Erdarbeiten mit den fremdländischen Arbeitern zu besichtigen", hat er festgehalten. Der Durchstich war schließlich im November 1867 geschafft. So notierte das Kempener Kreisblatt am 31. November unter der Ortsmarke Grefrath: "Am verflossenen Dienstag ist die ungeheure Erdmasse des Lobbericher Berges vollständig durchstochen und dadurch der letzte Rest der Bahnstrecke Kempen-Venlo fertig gestellt worden. Die Schienen sind gelegt und ist man in der Lage, den ersten Eisenbahnzug von Kempen nach Venlo ablassen zu können." Dann wird noch kommentierend hinzugesetzt: Somit sind dann endlich unsere Wünsche realisiert und unser Ort in den Kreis der modernen Verkehrs-Anstalten gezogen."

Die Bahnsteige des Kaldenkirchener Bahnhofs ohne Dach: Links sind die Gleise für die Strecke nach Venlo oder Breyell/Viersen, rechts die Gleise für die Strecke nach Lobberich/Grefrath/Kempen. Foto: Meis

Hatte das "Kreisblatt", damals die einzige Zeitung mit lokalen Nachrichten in dieser Gegend, noch am 30. November vermutet, dass nach der polizeilichen Abnahme der Bahnstrecke am 10. Dezember der Personenverkehr "definitiv" am 15. Dezember aufgenommen werde, so dauerte es dann doch noch bis zum 1. Januar, ehe der Zugverkehr offiziell aufgenommen wurde. Denn erst am 19. Dezember befuhr eine Lokomotive die Strecke von Kempen nach Kaldenkirchen. Während Kempener Ortshistoriker den ersten Zug "vielbejubelt und beifällig begrüßt" von Kempen nach Kaldenkirchen fahren lassen, hat Brocher den ersten Zug von Kaldenkirchren nach Kempen laufen lassen; ihm entstiegen in Lobberich sieben Reisende.

Am 4. Januar 1868 gab die Rheinische Eisenbahngesellschaft im Kreisblatt den Fahrplan für die Strecke bekannt: morgens um 7.09 Uhr ab Venlo, 7.40 Uhr ab Kaldenkirchen, 7.50 Uhr ab Lobberich, 8.03 Uhr ab Grefrath, Ankunft Kempen 8.15 Uhr; weitere Züge fuhren um 11.54 Uhr und nachmittags um 4.19 Uhr. Die Fahrzeiut betrug 66 Minuten - wegen der Zollabfertigung in Kaldenkirchen. Ab Kempen fuhr der Zug um morgens um 9 Uhr, nachmittags um 3.15 Uhr und abends um 7.20 Uhr; da brauchte er nur 39 Minuten, weil dann in Venlo abgefertigt wurde.

Zunächst gab es nur Bahnhöfe in Lobberich (urspünglich auf Hinsbecker Terrain) und Grefrath, später kam noch der in Mülhausen/Oedt hinzu. Erst nach 1950 wurden die Haltepunkte Kempen-Kamperlings und Leuth-Wittsee angelegt. Gleich zu Beginn suchte die Rheinische Bahngesellschaft Pächter für die Bahnhofs-Restauration in Lobberich und Grefrath (Anzeige im "Kreisblatt" vom 11. Januar 1868).

Vor allem die neuen Fabrikherren hatten sich für den Bau der Bahnlinie eingesetzt, da so die Beschaffung der Rohstoffe und der Abtransport der Waren besser bewerkstelligt werden konnte; bisher waren Pferdefuhrwerke das Transportmittel Nr. 1. Rund 2 000 Taler wurden von Lobbericher Bürgern für die Bahnplanung aufgebracht, davon kam ein Drittel von Niedieck und Schölvink, 250 Taler von Mommers und de Ball. Kurz vor Eröffnung der Bahnstrecke inserierte dann der Kempener Kohlenhändler J. von Monschaw, dass er auch am Bahnhof Lobberich e4in Kohlenlager errichtet habe "und empfehle dasselbe den geehrten Bewohnern von Lobberich und Hinsbeck bestens".

Die Wirtschaftlichkeit der Strecke ist schon bald nach der Inbetriebnahme überprüft worden. Immerhin stieg Lobberichs Einwohnerzahl zwischen 1867 und 1875 von 3 873 um 1 162 auf 5 035 Personen. Zum Vergleich: 1867 zählten Breyell 5 164 Personen, Kaldenkirchen 2 905 Personen, Grefrath 3 831 Personen und Kempen 4 811 Personen.

Ab 1874 fuhr morgens gegen 9 Uhr auch ein Schnellzug von Vlissingen nach Köln über diese Strecke, der hier aber nicht hielt. Lobberichs Gemeindeväter bemühten sich ab 1880, diesen Zug in der "Seenstadt" halten zu lassen. Das aber wurde abgelehnt; auch in späteren Jahren hatten entsprechende Anträge keinen Erfolg.

Die Personenzüge wurden vor allem in den 1950er Jahren stark genutzt für die Fahrt zu den Gymnasien in Mülhausen und Kempen sowie zur den Arbeitsstätten in Grefrath, Kempen, Krefeld und Düsseldorf. Die zunehmende Motorisierung ab den 1960er Jahren ließ den Personenzugverkehr allmählich unwirtschaftlich werden. Schienenbusse ersetzten von Loks gezogene Züge, dann wurde auch deren Zahl reduziert. Schließlich kam Ende Mai 1980 das Ende.

Die Gleise wurden in den Bahnhofsbereichen Lobberich und Grefrath weitgehend zurückgebaut; nur Güterzüge verkehrten noch von Kaldenkirchen bis Grefrath, deklariert als Firmenanschluss; schließlich lohnte sich auch das nicht mehr. Die Gleise blieben noch liegen, beim Bau der Umgehungsstraße Hinsbeck-Lobberich (erst L 373, jetzt B 509) wurde gar noch eine teure Brücke errichtet. Schließlich riss die Bahn 2003/04 die restlichen Gleise heraus. Nur der Schotter und einige Gleisstücke bei Wirtschaftswegequerungen erinnern noch an die einstige Bahnlinie. Von Kaldenkirchen bis Grefrath hat die Natur die Bahntrasse weitgehend zurückerobert, zwischen Grefrath und Kempen ist auf ihr in Teilen ein Radweg angelegt worden. Nun gibt es Pläne, auch zwischen Kaldenkirchen und Grefrath eine Radweg auf dem Schotter zu bauen.

Lobberichs Bahnhof "von hinten" mit einer Dampflok auf dem Gleis Richtung Grefrath;
im rechten Teil des Gebäudes befand sich unten die Bahnhofsgaststätte.

Foto: Carl Bellingrodt, Juni 1953.
Mit freundlicher Genehmigung des Eisenbahn-Kurier (EK-Verlag) vom 28. April 2005


Drei Schüler tödlich verletzt

Ein schweres Unglück traf die Bahnfahrer auf der Strecke Kempen - Kaldenkirchen. Am 7. März 1956 stieß ein mit Schülern vollbesetzter Schienenbus in Kempen-Kamperlings mit einem Lastwagen zusammen. Drei Schüler aus Grefrath, Mülhausen und Kaldenkirchen und der Schienenbusführer starben, viele wurden schwer verletzt, einige leiden heute noch unter den Folgen.


 Geschichte der Bahnstrecke von Manfred Albersmann

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