Filmproduzent und Landrat

Nettetaler Spätlese. Zeitung für ältere Menschen 30/ 2007


Christoph Mülleneisen wird mit der Gedenkmedaille des Kreises Viersen geehrt

Die 41. Prägung seiner Gedenkmedaille hat der Kreis Viersen dem früheren Landrat Christoph Mülleneisen gewidmet, der kurz vor dem Ende des Zweiten Welkrieges seinen Wohnsitz in Lobberich genommen hatte. Unmittlelbar nach Kriegsende, am 13. Juni 1945, wurde Mülleneisen, mit der Lobbericher Gastwirtstochter Irmgard Horstmann verheiratet, von der britischen Militärbehörde als Chef der Kreisverwaltung verpflichtet.

Mülleneisen hatte keine Verwaltungserfahrung, denn er war zuvor Filmproduzent gewesen. Doch er packte diese neue Aufgabe mit ungeheurem Elan an, so dass der britische Militärkommandant ihm bei seinem Abschied ein Jahr später "für die außerordentlich große Arbeit" herzlich dankte. Mülleneisen hatte sein Amt wegen einer Erkrankung aufgeben müssen. In diesem Beitrag werden einige "Lobbericher Spuren" beleuchtet.

Albert Horstmann war das Beste gerade gut genug, als seine Tochter Irmgard Anfang 1913 den Filmkaufmann Christoph Mülleneisen heiratete. Der Wirt der "Ewigen Lampe" an der Hochstraße in Lobberich ließ die Hochzeitstafel üppig wie selten eindecken, auf dass den Gästen dieses Ereignis noch lange in Erinnerung bleiben möge.

Wie haben sich der trotz seiner nur 22 Jahre schon weitgereiste Filmkaufmann Mülleneisen und die Gastwirtstochter kennen gelernt? "Die sind sich in Lobberich über den Weg gelaufen, als seine Eltern hier für einige Zeit bei Niedieck im Haus Erlenbruch wohnten", wissen die Enkelkinder Bothy und Christoph Mülleneisen aus einem Radio-Feature des NWDR zum 60. Geburtstag des Großvaters und aus den Erzählungen ihres Vaters. Aber allzu viel hat er darüber nicht berichtet. Doch lässt sich aus den Schriftstücken, die über den Zweiten Weltkrieg hinweg gerettet wurden, eine ganze Menge über das Leben und Wirken des Theodor Maria Christoph Mülleneisen, der 1945/46 auch Landrat des Kreises Kempen-Krefeld war, berichten (siehe auch: Zwei Berichte im Heimatbuch).

Kaufmann und Weltmann

Christoph Mülleneisen II kam schon früh mit dem Film in Berührung, denn sein Vater war Kinobetreiber und Filmproduzent. Christoph Mülleneisen I (für den als Geburtsort in der Filmliteratur auch Wilhelmshaven angegeben wird) schickte den Sohn schon während der Schulausbildung nach Belgien, in die Schweiz, nach England und auf die Kanarischen Inseln, wo er zeitweilig als Sekretär und stellvertretender Vizekonsul des kaiserlichen deutschen Vizekonsulats tätig war, aber auch als Zahlmeister bei Schifffahrtslinien zwischen den Inseln kreuzte. 1907 bis 1909 hielt er sich in der französischen Kolonie Elfenbeinküste aus, 1910/11 unternahm er eine Reise durch die USA und Kanada mit dem Auftrag, in Kanada Grundbesitz zu erwerben.

Diese "umfassende kauf- und weltmännische Ausbildung" (Kreisarchivar Gerhard Rehm) war die Grundlage für Mülleneisens Tätigkeit im Filmgeschäft, erst in Köln (wo nach der Hochzeit in Lobberich auch Sohn Christoph Mülleneisen III geboren wurde), dann in Berlin und zum Ende des Ersten Weltkrieges in Konstantinopel, wo er für die Verbreitung deutscher Filme sorgte. Auf der abenteuerlichen Rückreise Ende 1918 organisierte er die Landreise und den Transport des Gepäcks von 700 Deutschen und Österreichern von Venedig nach München. "Diese Vorgänge charakterisieren Mülleneisen als Menschen von außerordentlicher Energie und Durchsetzungskraft", schreibt Rehm in einem Porträt im Heimatbuch 2006.

Mit Gründgens und Ophüls

Das Werk seines Vaters setzt Christoph Mülleneisen II nach dessen Tod (1925) in größerem Stil fort, so dass er in einer überdimensionalen Broschüre 1933 zahlreiche Filme anpreisen kann, die aus seiner Produktion stammen, die er aber auch weltweit über seine Firma Cinéma vertreibt. Zu seinen Regisseuren gehören Gustaf Gründgens ("Der Revisor") und Max Ophüls ("Liebelei"), zu seinen Stars Hans Albers, Otto Gebühr, Paul Hörbiger, Lil Dagover, Anny Ondra (Ehefrau von Max Schmeling), Magda Scheider (Mutter von Romy Schneider) und Brigitte Helm, zu seinen Komponisten Paul Abraham, Theo Mackeben und Robert Stolz. Mülleneisen war Kaufmann, er schaute auf das finanzielle Ergebnis - doch stand dem nicht entgegen, dass 1932 die auch heute noch von Filmfreunden gerühmte Schnitzler-Verfilmung "Liebelei" entstand; der Regisseur Max Ophüls emigrierte später in die USA. In einem Bereicht des "Berliner Tageblatts" am 25. Juni 1933 wurde Mülleneisen zu den fünf führenden Köpfen des deutschen Film gezählt.

Die Familienbande führten Mülleneisen immer wieder nach Lobberich, wo er auch als Mäzen des Männergesangvereins auftrat. Erhalten geblieben ist ein Schreiben von des Rhein u. Maas-Redakteurs Paul Peters, der sich am 7. Dezember 1929 bei Mülleneisen für einen Brief und eine Spende bedankt, die gerade noch rechtzeitig zum Stiftungsfest eintraf. In Lobberich hatte 1929 das Bundesfest des Deutschen Sängerbundes mit über 1.000 Gästen von auswärts stattgefunden.

Lobberich war dann auch im Laufe des Jahres 1943 das Ziel des von den Nationalsozialisten nach und nach ausgebooteten Filmproduzenten. Der Möbeltransport von Berlin ins Rheinland muss abenteuerlich gewesen sein; jedenfalls kam weniger als die Hälfte seiner Habe hier an. In Ehren gehalten wird bei den heutigen Mülleneisens im Hause Leuther Straße 15 in Kaldenkirchen noch ein prächtiger Holzsessel, der einst in Berlin-Charlottenburg gestanden hat: Auf ihm nahm immer der Nuntius Eugenio Pacelli Platz, wenn er im Hause Rogoitzstraße 12 zu Besuch war. Aus dem Nuntius wurde später Papst Pius XII. Der damals 57-jährige Mülleneisen sollte 1944 eigentlich noch zur Wehrmacht eingezogen werden, doch bescheinigte ihm der Krefelder Wehrbezirkskommandeur am 12. September, dass er "völlig untauglich zum Dienst in der Wehrmacht" ist und deshalb aus dem Wehrpflichtverhältnis ausscheide.

Ehefrau durch V 1 umgekommen

Mülleneisen und seine Frau wohnten offensichtlich zunächst im Hotel Köster, denn in der ihrer Sterbeurkunde ist die Hochstraße 11 angegeben. Sie ist, wie der Standesbeamte Paul Brocher beurkundete, "durch ein Kriegsereignis gefallen" (das Wort "gestorben" ist durchgestrichen). Dieses "Kriegsereignis" war der Einschlag einer V 1 am 19. Februar 1944 auf der unteren Hochstraße, bei der das Hotel Köster und einige Nebenhäuser zerstört wurden und schätzungsweise 40 Menschen den Tod fanden. Als Todesursache werden "Kopfverletzungen und innere Verletzungen infolge Verschüttung" angegeben. Eingetragen wurde dies erst am 11. April nach einer schriftlichen Anzeige der Polizeiverwaltung vom 5. April.

Trotz des Todes seiner Frau, der ihn tief getroffen hatte, ist Mülleneisen schon kurz nach Kriegsende (die Amerikaner besetzten den Grenzraum Ende Februar/Anfang März) beruflich wieder aktiv geworden - nicht als Filmproduzent, sondern als Kaufmann. Er schloss Beratungsverträge mit den Firmen Niedieck & Co. AG und J. L. de Ball & Cie. Nachf. m.b.H., für die er sich um den Wiederaufbau des Exportgeschäfts bemühen sollte. Außerdem sollte er den Firmen seine Erfahrung auf den gebieten des Films und der Kunst zur Verfügung stellen und sie "zur Hebung des Umsatzes auch modisch beraten". Für die zu Girmes/Niedieck gehörenden Firmen Gudehus & Co. sowie Edm. Corty & Co. m.b.H. sollte er den gesamten Vertrieb im Ausland übernehmen (bei Gudehus auch Inland). Unterschrieben waren die Verträge von den Vorstandsmitgliedern bzw. Geschäftsführern Erich Selbach und Otto Nickel.

Die Engländer totgeredet

Christoph Mülleneisen, Landrat

Die Verträge, zunächst bis Ende 1948 abgeschlossen, wurden nie erfüllt, denn am 12. Juni 1945 erreichte den nun in der Graf-Mirbach-Straße Wohnenden ein Schreiben, "dass Sie Ihr Amt als Landrat morgen, den 13.6. 1945, ½ 9Uhr, antreten müssen". Sein Stellvertreter, der Kempener Studienrat Dr. Eduard Royen, hatte ihm diesen Befehl des Kommandanten der britischen Militärregierung übermittelt. In seinem Tagebuch hat Royen damals notiert, dass Mülleneisen ein "gewaltiges Tempo" entwickelte: "Die fleißende Beherrschung der englischen Sprache ist bei ihm so groß, dass er die Engländer einfach totredet." Mit den Beamten und Angestellten im Landratsamt springt er um, "dass man nur staunen kann".

Das forsche Tempo, das Mülleneisen angeschlagen hatte, setzte seiner Gesundheit zu. Ab September blieb er nachmittags zu Hause, "weil er wegen seines Herzleidens ruhen musste". Im Oktober kam es dann zu einem Zusammenbruch, doch Mülleneisen ließ die Referenten der Kreisverwaltung nach Lobberich kommen, um mit ihnen Einzelheiten zu besprechen. Zwar eröffnete er am 2. Dezember 1945 noch die erste Sitzung des ernannten Kreistages ("Ich müsste eigentlich im Krankenhaus liegen. Ich tue es aus einem Pflichtgefühl meiner engeren Heimat gegenüber."), doch am 13. Dezember fehlte er schon. Nach einem Schlaganfall Anfang Januar 1946 auf der Rückfahrt von einer Sitzung in Kaldenkirchen sagte der englische Kommandant: "Seine Krankheit ist vor allem auf die Arbeit zurückzuführen, die er für den Kreis geleistet hat. Ich allein weiß, was dieser an Arbeit geleistet hat, denn ich habe ihn gehetzt und in den letzten Monaten hetzen müssen."

Bevölkerung schuldet Dank

Doch der Landrat Mülleneisen, obwohl nach der Einführung der "englischen Verfassung" nur noch Vorsitzender des Kreistages und nicht mehr Chef der Verwaltung, kam nicht mehr zu Kräften. Am 21. Mai 1946 erklärte er seinen Rücktritt von diesem Amt, den die Militärregierung außerordentlich bedauerte. Denn er habe unermüdlich "für das Wohl des Kreises und die Besserung der Verhältnisse im Kreis gearbeitet". In einem persönlichen Schreiben bescheinigt Kommandant Acworth: "Die Bevölkerung dieses Kreises schuldet Ihnen ohne Zweifel sehr viel Dank für die Arbeit, die Sie für sie in der außerordentlich schwierigen zeit unmittelbar nach der Besatzung geleistet haben." Ob Mülleneisen, der mit der Familie seines Sohnes Christoph III inzwischen im Hause Friedenstraße 44 wohnte, dem Angebot des Kommandanten gefolgt ist, ihn zu besuchen, so oft er in Kempen sei, ist nicht überliefert. Im Laufe des Jahres meldeten sich noch einstige Filmproduzenten aus Österreich bei ihm, doch wurde Müllleneisen nicht mehr aktiv. Er starb am 14. April 1948, nur etwas mehr als 60 Jahre alt, und wurde in der Familiengruft auf dem Lobbericher Friedhof beigesetzt. Manfred Meis

Erinnerungen an Christoph Mülleneisen

Wenn Mülleineisen nicht eingegriffen hätte, wäre ich erschossen worden - das hat Theo Peschkes oft seinem Sohn Horst erzählt, schließlich war das ein einschneidendes Erlebnis im Frühjahr 1945. Theo Peschkes stand schon auf dem Hof der Landmaschinenhandlung Schmetz (Hochstraße) an der Wand, als Christoph Mülleneisen, der Mann mit dem perfekten Englisch, einschritt und die Sache zum Guten wendete. Denn Theo Peschkes war von britischen Besatzungssoldaten fest- und mitgenommen worden, weil in seinem haus auf der Marktstraße noch eine Waffe gefunden wurde, die längst abgeliefert sein sollte. Ein Bruder von Theo Peschkes hatte sie in einer Schrankschublade versteckt - ohne Wissen der übrigen Hausbewohner. Christoph Mülleneisen klärte die Situation, Theo Peschkes blieb der Familie und der Lobbericher Feuerwehr erhalten.

An den Filmproduzenten Mülleneisen erinnerte sich auch der Kaldenkirchener Speditionskaufmann Toni Verhaeg, als er auf 40 Berufsjahre zurückblickte. Am 15. Mai 1970 erschien in den Grenzland-Nachrichten ein Bericht, in dem Verhaeg von einem wochenlangen Aufenthalt während der Olympischen Spiele 1936 in Berlin und seiner "Mission in Prag mit dem damaligen Landrat Mülleneisen zu UFA-Filmaufnahmen" erzählte. Na ja: Landrat wurde Mülleneisen erst nach dem Zweiten Weltkrieg, und er hat nicht für die UFA, sondern seine eigene Produktionsgesellschaft Majestic-Cinéma gearbeitet. In der Erinnerung wird manches vertauscht.

Wie Christoph Mülleneisen zu einem Vetter von Prof. Albert Steeger wurde

Auf der sprichwörtlichen "Wolke 7" könnten sich die Vettern Albert Steeger und Christoph Mülleneisen nun als durch den Kreis Viersen Medaillen-Geehrte zuwinken, meinte Bothy Mülleneisen. Die Enkelin des einstigen Landrates des Kreises Kempen-Krefeld machte mit dieser Bemerkung während der Präsentation der Gedenkmedaille auf unbekannte Verwandtschaftsverhältnisse aufmerksam.

Die Spur führt nach Kaldenkirchen. Dort wurde am 31. März 1827 Leonhard Lenssen geboren, der später den Beruf eines Seidenweber-Appreteurs ausübte. Er hatte (vielleicht neben anderen Kindern) mit seiner Frau Johanna Gertrud Hubertine Hendrix die Töchter Maria (geb. 22. August 1855) und Adelgunde Katharina Hubertine (geb. 15. November 1867).

Maria heiratete am 11. Oktober 1880 in Lobberich den Webereidirektor Michael Conrad Steeger. Ihr drittes Kind war Michael Albert Steeger (geboren am 1. November 1885), der später einer der bedeutendsten Archäologen und Volkskundler am Niederrhein werden sollte. Ausgrabungen in Gellep und die Burg Linn sind untrennbar mit dem Namen des Professors verbunden, dessen Todestag sich 2008 zum 50. Male jährt. Zu Albert Steegers Brüdern gehörten der Gastwirt Max Steeger und der Niedieck-Direktor Hermann Steeger.

Adelgunde Katharina Hubertine heiratete am 16. Mai 1882 in Lobberich den Gastwirt Quirin Felix Albert Horstmann. Als deren zweite Tochter wurde am 30. März 1887 Maria Erma Theodora (gen. Irmgard) geboren. Sie heiratete am 21. Januar 1913 den jungen Filmkaufmann Christoph Mülleneisen.

Die Cousins Albert und Irmgard werden sich in den1890-er Jahren auf der Hochstraße sicherlich hin und wieder begegnet sein. Denn Albert wohnte im Hause Hochstraße 22, das 1944 durch die V 1 zerstört wurde (Wiederaufbau im Komplex mit Caelers/Schopp durch Coenen/Schepers - heute Eckbebauung Hoch-/Marktstraße), während Irmgard in der "Ewigen Lampe" (Hochstraße 57) zu Hause war.

Christoph M. von I bis V

Zwei Berichte im Heimatbuch

Über den Filmproduzenten und Landrat Christoph Mülleneisen berichtet Gerhard Rehm ausführlich im Heimatbuch 2006 des Kreises Viersen. Er geht dabei auch näher auf die bedeutende Stellung ein, die Mülleneisen in der Filmwirtschaft vor allem zwischen 1925 und 1934 hatte. Wie Mülleneisen Landrat geworden war, hatte Eduard Royen schon im Heimatbuch 1964 geschildert.

Medaille in Silber und Gold

Die Medaille ist geprägt aus Feinsilber, wiegt 25 Gramm. hat einen Durchmesser von 40 mm und eine Rondenstärke von 2 mm. Geprägt wurden 100 Exemplare. Eine Medaille kostet 42 Euro; sie ist erhältlich bei der Sparkasse Krefeld. Während die Silbermedaille nicht nachgeprägt wird, können Goldmedaillen immer geprägt werden. Ihr Preis richtet sich nach dem aktuellen Goldpreis; derzeit würde sie 810 Euro kosten.


Siehe Bericht der RP vom 21.4. 2018


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