Chronik der Familie Tümmers

Spätlese Nr 15 - März 2004


von Wilhelmine Steinberg

Was mag wohl Menschen aus dem benachbarten Holland bewogen haben, zu uns nach Lobberich überzusiedeln um hier Selbständigkeit zu erwerben und in den Ehestand zu treten. Sicher lockte die damals schon große und über die Grenzen bekannte Fa. Niedieck mit ihren vielen verzweigten Arbeitsmöglichkeiten.


Jakob Tümmers
(Repro: Archiv Lobberland)

So erging es auch dem 1843 geborenen Jakob Tümmers aus Limbrecht, Sohn des aus einer Handwerkerfamilie stammenden Nikolaus Tümmers und seiner Frau Maria Christine Deters. Jakob brachte seinen Bruder Johann mit nach Lobberich und gründete 1875 die Fa. Jakob Tümmers. Während er sich neutralisieren ließ und deutscher Staatsangehöriger wurde blieb sein Bruder, auch mit der Muttersprache, Holländer. Er arbeitete zeit seines Lebens als Kalfaktor bei seinem Bruder; sozusagen ein Mann für alle Fälle.

Jakob war klug, sich ein Lobbericher Mädchen als Frau zu nehmen, und zwar schloss er den Bund fürs Leben mit der 1848 geborenen Anna Maria Peuten, Tochter von Gerhard Peuten und seiner Frau Maria Christine Josten. Sie war verwandt mit den Brüdern Arnold und Josef Josten, Möbelgeschäft. Die Ehe wurde mit 4 Kindern gesegnet, 2 Mädchen und 2 Jungen. Maria verheiratete sich nach Uerdingen. Christine wurde Frau Wolken, tüchtige und liebenswürdige Wirtin der altbekannten Wirtschaft Haus Wolken in Breyell.

Jakob Tümmers wohnte bei seiner Übersiedlung nach Lobberich zunächst im Kirchgässchen. Doch schon 1893 baute er sein Haus auf der damaligen Bahn-, jetzt Niedieckstraße.

Hinter dem Haus rechts schlossen sich Büroräume und links große Lagerschuppen an. Sie umschlossen einen Innenhof. Dahinter dehnte sich der hübsche Privatgarten mit Blumen, Rasen und natürlich einem Gartenläubchen aus. Das Grundstück war sehr groß, grenzte bis an die spätere Friedensstraße, geradezu ideal als Baulagerplatz. Von der Postgasse aus war die Einfahrt. Heute erstreckt sich dort ein großer Wohnblock, wo unten der Notar Steegmann heute seine Büroräume hat. Die Häuser seiner engsten Nachbarn: Troikes, Schön und Ofenius entstanden auch unter Jakobs Regie. Seine erste wirklich große Arbeit war der Bau des Krankenhauses. Ebenfalls baute er viel in Bocholt.

Sohn Gerhard hatte das Glück studieren zu dürfen. Er hat bis zur Bombardierung Kölns dort als Studienrat für Latein und Deutsch gearbeitet. Nach dem Krieg wirkte er noch manches Jährchen in Mühlhausen und wohnte in Kempen.

Da Sohn Johannes das Talent seines Vaters erbte, trat er selbstverständlich in seine Fußstapfen. Bei seinem Vater machte er eine sehr strenge Lehre durch, besuchte anschließend die Baugewerbeschule in Aachen und absolvierte sie mit Bravour als Baugewerbemeister. Zu damaliger Zeit war das etwas Bemerkenswertes.

Sohn und zugleich Lehrling Johannes musste oft per Ziehkarre Material bis dort hinauf schaffen. Vergaß er mal etwas, hieß es umgehend retour, um es zu holen. So passierte es mit einer Leiter, die er dann nicht mehr per Ziehkarre, sondern auf dem Rücken zur Baustelle transportieren musste. Ja, rechtschaffen aber streng mit sich selbst, verlangten die Alten auch dasselbe von ihren Mitarbeitern. Da wurden auch die Eigenen nicht geschont.

Johannes übernahm im Jahre 1910, also schon mit 25 Jahren, die Firma. Sein Vater muss zu der Zeit schon krank gewesen sein, denn er starb 1911.


(Repro: Archiv Lobberland)

Johannes setzte sich mit all seinem Können und mit ganzer Kraft für sein Baugeschäft ein. An wie viel Bauten in Lobberich und Umgebung er beteiligt war, ist kaum aufzuzählen.

Auch mein Elternhaus entstand unter seinen Händen. Allen modernen Neuerungen gegenüber sehr aufgeschlossen, tüftelte er mancherlei aus und versuchte es in seinen Bauten anzubringen. Er beschäftigte viele Arbeiter aus dem benachbarten Holland, die auf Klompen zu Fuß nach Lobberich zur Arbeit kamen.

Wurde Richtfest gefeiert, ließen sich viele so voll laufen, dass sie nicht mehr heim fanden. Sie übernachteten dann einfach im Sommerläubchen des Privatgartens.

In ganz armen Zeiten, als das Geld nichts mehr wert war, kaufte Johannes Lebensmittel in großen Mengen ein und löhnte damit seine Leute, damit sie wenigstens etwas mit nach Hause brachten.

1913 schloss er den Bund für's Leben mit Kathrina Kother, der ältesten Tochter des Kaufmanns Wilhelm Kother, Textilgeschäft auf dem Markt, heute Winz. Zwei Kinder wurden ihm geschenkt.

Rege nahm er am Leben des aufblühenden Lobberich teil: Innungsmeister beruflich, im Bauausschuss des Kirchenvorstandes, im Stadtrat und 1.Brudermeister der St. Sebastianus Bruderschaft. Das kostbare Silber der Bruderschaft mauerte er im Krieg verantwortungsbewusst ein, damit es in den Wirren nicht verloren ging. In den Kriegsjahren 14 -18 leistete er seinem Dienst am Vaterland als Sanitätsunteroffizier im Lazarett Denklingen im Siegkreis. In dieser Zeit war Mutter Kathrinchen bestens beschützt von Ohm Johann.

Sein Bruder Gerd war Offizier. Als die Brüder sich eines Tages auf einem Bahnhof trafen, ließ der stolze Offizier Gerd nicht zu, dass sein bescheidener Bruder Johannes als nur Unteroffizier mit in seinem Abteil Richtung Heimat fuhr. So streng waren da die Bräuche.

Als Johannes am 22. Dezember 1916 auf Urlaub kam, lag seine Frau Kathrinchen in Wehen. Mit Marschgepäck, also seinem Tornister, Kochgeschirr und allem Drum und Dran eilte er sofort' zu ihr. In ihrem Schmerz und großer Not umklammerte sie seinen Hals und ließ ihn nicht mehr los, bis die Tochter das Licht der Welt erblickte.

Im Hause Tümmers wurde noch oft darüber gesprochen und viel gelacht. Johannes muss noch lange an Genickstarre gelitten haben; aber warum sollen die Männer bei der Geburt ihrer Kinder immer so glimpflich davon kommen?

Johannes, ein stets besonnener, ausgeglichener Mann, muss beim Motorrad fahren (vor 1928 besaß er schon eine Maschine) ein toller Hecht gewesen sein, Nichts ging ihm schnell genug und alles musste er überholen. Kein Familienmitglied traute sich auf den Soziussitz.

Tagte sein Kegelclub anlässlich eines Geburtstages bei ihm zu Hause, wurden gestandenen Männer zu Lausbuben. Man schloss Wetten ab, wer am besten und höchsten über die Turnstange springen konnte, zum Gaudium der Familie und Nachbarn.

Zu den engsten Freunden, womit man Freude und Leid teilte, gehörte die Familie Boetzkes, Lebensmittelgroßhandel, Hochstraße.

Durch Tochter Anni war auch ich mit der Familie sehr verbunden und habe viele schöne Stunden im Hause verlebt.

Vater Johannes wollte aus uns Mädchen gesittete junge Damen machen, die nie ein lautes oder kräftiges Wort gebrauchten und die demütig und sanft den Lehren der Eltern lauschten. Doch das entsprach nicht unserer Natur. Meine Freundin war klug und schwieg und tat dann später doch was sie wollte. Ich neigte zu Widerspruch und wehrte mich dagegen. Doch immer endeten solcherlei Debatten mit großem Gelächter. Nichts konnte die Harmonie trüben.

In den Jahren 36-38 bebauten Tümmers fast die ganz rechte Seite der Friedensstraße- sehr modern anmutende und innen praktische und bequeme Häuser.

Beim Ausbruch des 2. Weltkrieges wurden sie mit noch anderen Firmen zum Bau und Ausbau von Flugplätzen in unseren Grenzregionen herangezogen.

Meine Freundin Anni arbeitete bürotechnisch auch an diesen Unternehmungen. Nach dem Motto "Säk mar do für mich", eroberte sie sich alle Herzen ihrer Mitarbeiter. Lebensfroh und tüchtig hat sie auch ihr späteres Leben gemeistert.

Ihr Bruder Hans Gerd, ein sonniger, liebenswerter junger Mann, ist leider als Flieger über Russland verschollen.

Ein harter Schlag für die Familie. Vielleicht hat der Kummer darüber Johannes Gesundheit angenagt, denn er starb leider sehr früh, schon mit 65 Jahren.

Doch sei gesagt, dass das Baugeschäft unter seiner Leitung zwischen den beiden Kriegen eine Höchstblüte erreichte. Tochter, Schwiegersohn und ein erfahrener Bauführer führten noch manches Jahr das Geschäft weiter. Doch plötzliche Todesfälle und Erreichen der Altersgrenze setzten der alten, soliden Firma ein Ende.

Ein Glück, dass die Nachkommen voll Stolz auf ihre tüchtigen Vorväter zurück blicken können.


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