Geburt und Kindtaufe

Von Christine Tillmann (2002)

aus: Nettetaler Spätlese. Zeitung für ältere Menschen Nr. 09 - September 2002


Ich war zu Hause die Älteste. Vieles ist mir in Erinnerung geblieben. Bevor wieder ein Kind geboren wurde, hieß es: ,Nun müssen wir fleißig sparen.' Ein Brüderchen oder Schwesterchen wurde nämlich bei Frau Moonen (Hebamme) gekauft. In der Verwahrschule meinten einige Kinder: der Klapperstorch bringt die Babys. Doch wir wussten es besser: Frau Moonen hat die kleinen Kinder in dem Köfferchen, das sie immer mit sich trägt, und sie holt die Säuglinge aus einem tiefen Brunnen. In dem Glauben hat man uns gelassen.

Selten ging eine Frau ins Krankenhaus. Die Kinder wurden zu Hause geboren. Unter einem Vorwand wurden wir zu den Großeltern geschickt. Dort mussten wir bleiben, bis Vater uns abholte. Nun war das Geschwisterchen da und lag mit Mutter im großen Bett. Wir durften es kurz anschauen und streicheln, dann mussten wir wieder das Schlafzimmer verlassen.

An den nächsten Tagen kam die Hebamme morgens und abends und versorgte Mutter und Kind. Eine Nachbarin kümmerte sich um den Haushalt, Am nächsten Tag lag das neugeborene in einem Wäschekorb, der auf zwei Stühlen neben dem Bett stand. Wenn Frau Moonen morgens kam, gab es zuerst ein gutes Frühstück. Uns Kinder interessierte immer nur das Köfferchen, das sie bei sich trug. Darin, so glaubten wir, trägt sie ja die Babys. Doch ein Blick in dieses Köfferchen war einfach unmöglich. Es blieb immer fest verschlossen.

Wenn ein Neugeborenes sehr klein und winzig war, bekam es sofort die Nottaufe. Normalerweise war die Taufe am ersten Sonntag nach der Geburt. Dafür wurde das arme Kind gewickelt und geschnürt wie ein Paket.

Ärmchen und Beinchen wurden mit eingepackt. Und so wurde das kleine Häuflein in ein Steckkissen gelegt. Darüber hing das Taufkleidchen. Einem Jungen steckte man eine blaue Schleife auf das Kleidchen - einem Mädchen eine rosa Schleife. Die Hebamme trug das Kind zur Kirche, begleitet von den Paten. Der Weg wurde zu Fuß zurückgelegt. Vornehmere Familien fuhren mit der Kutsche. Bei der Wahl der Paten ging es streng nach Rang. Zuerst waren die Großeltern an der Reihe, dann Onkel und Tanten. Über den Namen des Kindes machte man sich keine Gedanken. Es erhielt den Namen des Paten oder Patin - anderenfalls gab es Familienstreit.

Nach der Tauffeier in der Kirche kamen auch die Verwandten zum Kaffee. Der Täufling wurde herumgereicht. Alle durften ihn kurz in den Arm nehmen. Das nannte man: ,Et Kengk wörd gepöngelt.' Die Hebamme bekam von allen Gästen ein gutes Trinkgeld. In den nächsten Tagen kamen die Nachbarinnen, um den neuen Erdenbürger zu bestaunen. Für die Mutter brachten sie Kandiszucker und Honigkuchen . Das sollte die Verdauung anregen. Die Wöchnerin revanchierte sich mit einem guten Kaffee, Rosinenbrot und Käse. Das war der Kiekkaffee. Nach drei bis vier Wochen, wenn sich die Mutter erholt hatte, war der erste Weg zur Kirche -,de Kerke johan'. Bis dahin blieb sie streng im Haus. Mit zwei Nachbarinnen ging sie dann an einem Werktagmorgen in die Frühmesse und bekam nach der Messe den Segen vom Pastor - Aussegnung. Zu Hause gab es Kaffee. Das war dann ein Dankeschön für alle Hilfe in den vergangenen Wochen. Nun war die Mutter wieder voll da und konnte sich ganz der Familie widmen.

Wenn uns Kindern in nächster Zeit Frau Moonen begegnete - sie trug immer einen Lodenmantel und das berühmte Köfferchen - schauten wir neugierig, in welches Haus sie ging. Wir dachten dann, nun bringt sie wieder ein Kindchen, und fast immer war es so.


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