Aus dem Tagebuch von Maria Nießen

Ein Zeitdokument von 1945

aus: Nettetaler Spätlese Zeitung für ältere Menschen

Im November wird es wieder sehr brenzlig in unserem Gebiet. Der Feind rückt näher.

Bei Venlo schwere Kämpfe. Pausenloses Schiessen und Tiefflieger Tag und Nacht, schießen auf Züge und Menschen. Oft sind die Bahnstrecken kaputt. In Kaldenkirchen schießt schon die Artillerie. Zwangsräumung am 20. November. Am nächsten Tag in Lobberich. Die Leute sind kopflos und in größter Aufregung und in Panikstimmung. Elend nichts als Elend. Gottseidank wird die Zwangsräumung mittags in Lobberich wieder aufgehoben. Wohin auch mit den Menschen? Die Leute bleiben doch alle auf geregt und sind voller Bangen, was wird wohl kommen?

Es schießt oft ganz gewaltig - wir spüren die Nähe der Front. Abends ist der Himmel hell vom Aufblitzen dort wo die Front ist. Es sind nur noch 12 km. Die Frauen mit ihren Kindern wollen weg. Es gehen Freiwilligen-Transporte, aber es klappt nicht. Es ist ein Bild des Elends. Die Frauen ziehen mit ihren Kindern und Gepäck. zum Bahnhof. Um 7 Uhr abends soll der Zug fahren, nachts um 2 Uhr stehen die Leute immer noch da. Um 2.30 Uhr kommt ein Zug - aber ohne Gepäckwagen. Die Menschen müssen ihre Sachen hier lassen. Die Sachen stehen noch 3 Tage draußen, ehe sie nachgeschickt werden. Es regnet schon seit Tagen ununterbrochen.

Es gehen noch weitere Transporte. Die Leute stehen wieder bis in die Nacht und müssen dann doch nach Hause gehen, weil der Zug nicht gekommen ist. Es ist ein Elend für die Menschen. Sie wissen auch nicht, wohin es geht - müssen alles hier im Stich lassen und wissen nicht, ob sie jemals noch mal wiederkehren. Die Männer stehen irgendwo draußen an der Front! Ich will hier bleiben, bis dass es gar nicht mehr geht. Ich möchte nicht in das grenzenlose entsetzliche Elend hinein. Aber wir werden nichts mehr vom Leben zu erwarten haben. Unsere Lilly ist auch mit ihrem Kindchen gefahren. Der Abschied war sehr schwer. Aber sie hat Gott sei Dank Bekannte, die sie lieb und gut aufheben werden in Königshain bei Chemnitz. Und sie fährt mit dem Transport nach Sachsen. Am Dienstag kam Bescheid, dass der Transport am nächsten Abend - am 29. November - um 6 Uhr gehen sollte. Ich bin noch nach Hause gegangen und habe bei ihr geschlafen, damit wir die letzten Stunden noch zusammen waren.

Lilly sollte nun um 6 Uhr fahren. Kurz vorhin kam nun Bescheid, dass der Zug doch nicht um 6 Uhr fährt. Wir sollten uns aber für den Rest des Abends bereithalten. Wir glaubten das auch und gingen zu Bett. Da geht plötzlich die Schelle - wir sollten zur Bahn gehen, der Zug führe. Das gab uns einen mächtigen Schrecken, weil wir im Stillen glaubten, doch noch ein wenig zusammenbleiben zu können. Aber es' nutzte nichts, wir mussten aufbrechen. Das Kindchen mussten wir aus dem Bettchen packen und dann ging's mit dem Gepäck hinaus in die Nacht. Der Abschied war schwer. Vater hat laut geweint und Mutter auch. Luise, Sepp und ich gingen mit Lilly und Iris. An der Bahnstrasse kamen die Frauen mit ihren Kindern und dem Gepäck auf Kärrchen und Wägelchen. Es ist ein furchtbar trauriger Anblick. Der Zug ist noch nicht da und wird auch nicht kommen.

Also wieder zurück und morgen oder übermorgen geht's wieder von vorne los. Alle sind erbost und auf geregt. Die Lage ist hier immer noch sehr brenzlig. Die Menschen drängen alle weg, aber es geht ja kaum.

Am nächsten Tag - wir waren kaum eingeschlafen ging wieder die Schelle. Es war 12 Uhr Mitternacht. Wir sollen zum Bahnhof kommen, der Zug wäre da. Wir standen wieder sofort auf, packten das Kind und wieder ging's los. Sepp und Luise sind schon vorgegangen und haben Lilly einen schönen Platz II. Klasse organisiert und das Gepäck gut untergebracht. Die Nacht war mondhell und gar nicht kalt. Um 2 Uhr fuhr der Zug ab und der Abschied war wieder für alle sehr schwer. Ich bin so lange mit dem Zug gelaufen, wie es eben ging. Traurig gingen wir dann nach Hause. Lilly und Iris waren nun fort.

In der Nacht zum l. Dezember und auch in den folgenden Nächten und tagsüber wurde wieder viel geschossen. Wir rechneten jeden Augenblick mit der Zwangsräumung. Es war schon gut, dass Lilly mit dem Kind weg war. Der Engländer kam vorwärts und hatte den Brückenkopf in Venlo genommen. Was wird wohl noch alles kommen?

Es vergehen mehrere Tage. Es wird allmählich ruhig. Wir atmen auf und wünschen uns, dass es so bliebe. Jeder denkt jetzt: Wo werden wir Weihnachten sein? Ich habe mir in den Kopf gesetzt, dass wir Weihnachten noch hier sind. Das wünschen wir uns alle als schönstes Weihnachtsgeschenk.

Weihnachten ist da, und wir sind glücklicherweise noch hier. Es ist dieses unser schönstes Weihnachtsgeschenk. Die Weihnachtstage fallen auch günstig. Sonntag ist Heiligabend. Wir haben auch ein Weihnachtsbäumchen. Unser Grammophon spielte ,Stille Nacht, heilige Nacht. Meinen Schwiegereltern habe ich das ,Christkindchen` gebracht. Wir haben alle unterm Weihnachtsbaum gesessen und gesungen. Meinen Eltern habe ich noch eine besondere Freude gemacht, indem ich ihnen am Heiligabend meinen Radioapparat brachte. Rudi - mein Mann - hat mir mit dem Apparat eine große Freude machen wollen und ich war grenzenlos enttäuscht, als es mit dem Anschluss bei uns nicht klappte.

Am 2. Weihnachtstag bin ich nach St. Tönis gefahren. Es war wunderschönes Weihnachtswetter. Der Himmel war klarblau und die Natur hatte sich in dichten Raureif gehüllt. Ich bin dann ganz allein in meinen Pelzmantel gehüllt - kreuz und quer über die Felder gegangen. Es war eiskalt, aber in meinem Mantel spürte ich nichts. Es war herrlich draußen in der Natur allein zu sein und mit meinen Gedanken war ich bei meinem Rudi.

Auch Silvester 1944 haben wir gefeiert, ganz wider Erwarten. Die Einquartierung bei meinen Eltern bekam Rotwein in rauen Mengen und Schnaps gab es auch. Im Radio spielten sie die herrlichsten Melodien. So flogen die Stunden bis morgens um 7 Uhr nur so dahin. Es war sehr schön. Wir hatten alle einen kleinen Schwips und es war schön, für einige Stunden mal wieder lachen zu können und alles Elend versuchen zu vergessen.

Anfang Januar 1945 beginnt der Russe mit einer gewaltigen Offensive. Er stößt mit einer ungeheuren Schnelligkeit vor:

Entsetzlich! Ostpreußen ist abgeschnitten und der Feind steht schon tief in Oberschlesien. Es ist kaum zu glauben. Elend und Not im Osten. Die Leute flüchten kopflos - ohne Hab und Gut. Bitterste Kälte, Schnee und Eis. Und der Russe stürmt immer weiter. In den ersten Februartagen ist er schon nicht mehr weit von Berlin. Wie wird alles enden?

Hier an der Westfront wird's auch wieder sehr unruhig. Am 2. Februar hat die Artillerie schon ins Gaswerk in Lobberich geschossen. Die Aufklärungstätigkeit der feindlichen Flieger ist sehr groß den ganzen Tag und die ganze Nacht. Nachts werden Blitzlichtaufnahmen gemacht, dann ist der dunkle Nachthimmel taghell, verursacht durch Leuchtkugeln. Stärkste Bomberverbände tragen Tag und Nacht ihre todbringende Last ins Reich, und wir rechnen jeden Tag mit einer großen Offensive hier im Westen. In Goch und Kevelaer sind die Leute schon zwangsmäßig aus den Häusern geholt worden. In Goch waren schon mal vor einem Monat Leute, die sich sträubten, aufgeladen und ins Klever Gefängnis gebracht worden und von dort in den Aufnahmegau.

Anfang Februar fallen überall Bomben. In Boisheim sind die Bahnstrecken kaputt und auch Viersen und Mönchengladbach sind stark- angegriffen worden - ebenso Geldern, Aldekerk, Neukerk und Kempen. So bringt jeder Tag neues Morden und Vernichten Es ist so unmenschlich und entsetzlich und noch immer kein Ende!

Die Jabos sind den ganzen Tag da, werfen ihre Bomben und schießen wahnsinnig mit ihren Bordwaffen. Die schwersten Bomberverbände kommen noch immer Tag und Nacht. Die Fenster und Türen wackeln allein schon vom Dröhnen der Motoren.

Die Partei übt jetzt keinen Druck mehr auf Räumung bzw. Zwangsräumung aus. Das legt sich etwas beruhigend auf unsere Seele. Sie wissen jetzt wohl auch nicht mehr, wohin mit den vielen Menschen.

Die Flut von Menschen aus dem Osten hat sich in Mitteldeutschland ergossen, sogar schon bis zum Westen. Die Menschen, die aus dem Westen schon flüchten mussten, sitzen in Mitteldeutschland. Und alle in entsetzlicher Not, kaum zu fassendem Elend und Leid - ohne Hab und Gut und ohne Heimat, von den Fliegern verfolgt.

Wir wollen hier bleiben! Wenn wir schon sterben müssen, dann hier in unserer Heimat! Ich habe nie die Absicht gehabt, zu flüchten, weil mir das Elend in seinem ungeheuren Maße klar vor Augen steht. Ich bin mir auch im Klaren, dass hier sehr viel Schreckliches kommen wird, aber doch bleibe ich lieber hier.

19. Februar 1945 - es ist etwas ganz Fürchterliches in Lobberich passiert! Ein V 1 Geschoss traf kurz vor 13.00 Uhr Hotel Köster, wo viele Volkssturmführer und Schanzer zu Mittag essen, und hat alles unter sich begraben. Drei weitere Häuser sind mit eingestürzt. Es ist ein Bild des Grauens. Die Leichen sind fürchterlich verstümmelt. Die Zahl der Toten ist erheblich und die Zahl der Verletzten ist noch nicht zu übersehen. In ganz Lobberich sind Fenster kaputt und Dächer beschädigt. Wir erleben in Lobberich und Umgebung noch viele Bombenangriffe im Februar 1945.

25. Februar - in der Nacht fielen in Lobberich wieder Bomben. Die Flieger sind Tag und Nacht - fast ununterbrochen da. Unheimlich und kaum zum Aushalten. Auf der Landstrasse muss man immer wieder in Deckungslöcher oder Gräben springen, weil sie wahnsinnig mit ihren Bordwaffen schießen.

Ende Februar ist für alle Männer des Volksturms höchste Alarmbereitschaft. In Breyell mussten alle Männer für 2 Tage Verpflegung mitnehmen. Es ist ein trauriges Bild, wenn man diese Zivilisten sieht in den verschiedensten Kombinationen und kaum mit Waffen ausgerüstet. Der Volkssturm soll nun alles halten. Unsere Soldaten sind bei Goch eingesetzt. Am 27. Februar steht der Feind schon in Waldniel - nicht weit von hier. Er steht auch schon vor Mönchengladbach und Köln und stößt von Goch Kevelaer südöstlich vor.

In der darauffolgenden Nacht kommen viele Soldatentrupps mit vielen Pferden durch Lobberich. Sie kommen alle ungeordnet von der Front, hatten aber keine Feindberührung. Gott sei Dank waren keine Flieger in der Luft.

Am 28. Februar ununterbrochene Fliegertätigkeit. Wir müssen dauernd in den Keller. In Boisheim fallen wieder viele Bomben. Der Feind ist schon auf der Strasse Waldniel-Gladbach und Waldniel-Dülken. Wir sind schon eingekesselt.

Möglichkeiten zum Wegfahren gibt es keine mehr - keine Postverbindung und die Telefonleitungen sind auch gestört. Es ist schrecklich! Mein Mann Rudi ist an der Ostfront und ich habe große Sorge um ihn. Was wird noch werden?

Der 1. März 1945:Vergangene Nacht war's ganz unheimlich und unruhig. Es war ein ununterbrochenes Zurückfluten unserer Truppen - Wagen an Wagen - ein ohrenbetäubender Lärm. Ich muss mich wundern - wieder keine Flieger. Gott sei Dank! Woher kommen unsere Soldaten wohl alle? Hier waren doch keine mehr - nur der Volkssturm.

Der Feind rückt immer näher und Anfang März rollen die Panzer schon ununterbrochen.

2. März 1945 ? eine Kollegin und ich gehen zu Fuß nach Breyell zum Bürgermeisteramt ? es kommt ja kein Autobus. Dort ist man erstaunt, dass wir noch kommen. Der Feind soll schon in Boisheim sein. Ich kann es kaum glauben! Der Bürgermeister bestätigt mir es auch und so haben wir uns schnell wieder auf den Heimweg gemacht. Wir haben uns sehr beeilt, man wusste ja nicht, ob in Kürze die feindlichen Panzer schon hinter uns her waren.

In Lobberich standen schon alle Leute vor den Türen. Die Flieger waren auch schon wieder da. Alle hasten aufgeregt von der Strasse und überall ruft man: Panzer kommen! Man hört das Rasseln der Panzer, die Schüsse peitschen durch die Luft ? gegen 20 Uhr war es ganz schlimm. Ein Major hatte am Morgen die einzelnen Soldaten, die noch zurückfluteten, angehalten, die müssten den Feind aufhalten. Es ist zwecklos ? die Engländer oder Amerikaner kommen doch durch. Die Leute sind sehr erbost ? Lobberich kann durch diesen schwachen Widerstand in Schutt und Asche gelegt werden. Um 22 Uhr fängt es fürchterlich an zu schießen. jedes Mal wenn ein Panzer rollt, zischt und kracht es ganz schrecklich. Es ist das Geschütz, dass dieser Major aufstellen ließ. Von der Feindseite bleibt es noch ruhig ? mir unerklärlich. Was wird in dieser Nacht geschehen? Noch einige Stunden bleibt es so ruhig, aber dann erwidert der Feind das Feuer ganz ungeheuerlich. Mit furchtbarer Wucht bersten und krepieren rings um uns herum die Granaten. Es ist sehr schlimm, aber ich bin trotzdem ruhig. Die Maschinengewehre rattern, die Kugeln klatschen und knallen unaufhörlich. Es sind wohl unsere einzeInen Soldaten, die um die Häuserecken mit ihren Gewehren laufen ? ich höre deutlich das Laufen. Wir dachten alle was wird das wohl werden??

Auf einmal rollen die Panzer näher, das Geratter der Maschinengewehre und das Schießen haben aufgehört. Unsere Soldaten haben sich wahrscheinlich abgesetzt und sind fort. Es geht schon auf den Morgen zu. Gegen 8 Uhr morgens rollen die Panzer schon ununterbrochen. Sie sind ringsum auf abgelegenen Wegen. Und jetzt, da der Widerstand gebrochen ist, jetzt rasseln sie über die Hochstrasse nach Hinsbeck und über die Grefrather Landstraße nach Kempen?Krefeld, Unsere Soldaten sind gar nicht mehr dazu gekommen, die Straßensperren, deren Vorrichtungen vorhanden waren, vollständig zu machen. Die Volkssturmmänner standen da ohne Gewehre, sie sollten antreten. Die meisten sind aber zu Hause geblieben.

Es ist 9 Uhr geworden - eine schwere Nacht ist überstanden. Die Leute haben sich nun auf die Strasse gewagt. Ein einzelner amerikanischer Soldat kommt über unsere Straße. Viele Leute heben gleich die Hände hoch ? er aber winkt ab. Er ist sehr ordentlich und sagt in gebrochenem Deutsch: die Leute möchten um 10 Uhr zum Markt kommen. Auf der Strasse sehe ich auch Frauen, die mit weißen Tüchern vorlaufen und damit schwenken. Es tut mir weh, deutsch bin ich doch in der Seele. Ich bin reingegangen und habe in meinem Zimmer geweint. Es ist doch ein komisches und bitteres Gefühl, der Feind jetzt in unserem Land. Ich muss auch immer an Rudi, meinen Mann denken. Wo wird er wohl sein und wie wird's ihm gehen? Zu all dem Elend hier kommt die große Sorge um ihn. Wir haben wohl hier das Schlimmste überstanden, was haben wir aber auch an Schrecklichem in den letzten Monaten mitgemacht, es war bald nicht zum Aushalten. Die armen Menschen, die es noch weiter aushalten müssen. Wann wird wohl alles ein Ende finden? Und jetzt noch etwas Schreckliches: die Postverbindung mit Rudi ist abgebrochen ? wir hören nun nichts mehr voneinander. Hoffentlich passiert ihm nur nichts. Wie schrecklich auch für ihn, nun nichts mehr von mir zu hören. Er wird wohl keine Ruhe finden ? wäre doch alles nur vorbei...

Die Versammlung für die Leute war nicht auf dem Markt, sondern in der Kirche. Der Bürgermeister gab die ersten Vorschriften bekannt. Für's erste Ausgang von 9 ?-12 Uhr morgens.

Lobberich sieht schrecklich aus durch den nächtlich schweren Beschuss. Manche Häuser sind total zerschossen, manche abgebrannt. An vielen Häusern sind die Dächer weg, Zimmerdecken hängen herunter, Einrichtungen sind total zerstört. Fast alle Häuser haben Beschädigungen. Überall liegen Glasscherben. Wir haben großes Glück gehabt ? uns ist nichts passiert: Und all den anderen Menschen wäre das Elend erspart geblieben, hätte dieser Major nicht Widerstand geboten!

Den ganzen Tag rollen nun ununterbrochen die feindlichen Panzer, unheimlich große Kolosse. Man kann vor Staunen nicht mehr, denn so etwas haben wir noch nicht gesehen. Militärwagen flitzen durch die Strassen, so leicht und wendig und alle haben viele große Benzinkanister. Welch ein Gegensatz zu unserer Wehrmacht! Als wir vorgestern noch unsere Soldaten sahen in und mit ihrer erbärmlichen Ausrüstung.

3. März 1945 -diese Nacht haben wir ruhig geschlafen. Es war so wohltuend nicht von Fliegern gestört zu werden. Aber seit gestern haben wir kein Gas, Licht und Wasser mehr. Wasser holen wir an einer Pumpe, abends brauchen wir eine Kerze. Tagsüber haben wir Ausgang von 9 ?-12 Uhr. Den ganzen Tag ist reger Betrieb auf den Straßen durch amerikanische Militärwagen. Die Soldaten sind alle große und kräftige Kerle, sie sehen ordentlich aus und sind zurückhaltend. Im braunen Haus ist viel Betrieb. Die Türen wurden aufgebrochen. Die Führerbilder zerschlagen und zerschossen ? Radio, Schreibmaschinen und andere Teile wurden mitgenommen.

Am Sonntag, den 4.3. ist nur Ausgang von 11 - 12 Uhr. Die Militärwagen fahren noch viel mehr und unzählig durch die Strassen, die alle wie ausgestorben sind. Aber um 11 Uhr wird Betrieb. Da sieht man Leute mit Handkarren ihr gerettetes Gut zu Bekannten bringen. Andere bringen ihre Sachen weg, da sie aus ihren Häusern müssen - die Amerikaner ziehen dort ein.

In der folgenden Woche ändert sich nicht viel. Die Ausgehzeit bleibt und die Leute hasten dann durch die Strassen, stehen in Schlangen vor den Geschäften, die Kinder laufen zum Bauern für Milch. Ab 12 Uhr sind immer alle Strassen wie ausgestorben ? nur amerikanische Posten gehen dadurch. Sie benehmen sich ordentlich und zurückhaltend - eine feindliche Einstellung oder Hass bemerkt man nicht. Neue Verordnungen und Verfügungen werden durch einen deutschen Mann Josef Lenzen ausgeschellt. Außerhalb der freigegebenen Stunde darf man sich auch nicht in Gärten oder auf Feldern aufhalten.

Wie es nun draußen oder jenseits des Rheins aussieht, wissen wir nicht. Wir sind von allem abgeschlossen, bekommen keine Zeitung mehr und hören kein Radio.

Wie mag es wohl an der Fronten sein? Hier im Westen soll der Amerikaner schon in Bonn und Koblenz sein. Einer erzählt's dem anderen. Bomberverbände fahren immer hier rüber und laden ihre Last jenseits des Rheins ab. Die armen Menschen, verfolgt von Tod und Verderben. Uns tun sie nichts mehr. Wir brauchen nicht mehr in den Keller - ein freies Aufatmen - ein überaus wohltuendes Gefühl! Inzwischen gibt's auch wieder Gas und Strom - wenn auch nur stundenweise.

13.3. Noch immer rollen fast ununterbrochen die Panzer und Wagen der Amerikaner vorwärts zur Front. Heute haben wir überhaupt keinen Ausgang. In allen Häusern von Lobberich sind ganz überraschend Haussuchungen, im Durchschnitt von 8 ? 12 Soldaten. Hier waren sie sehr ordentlich.

14.3. Wieder eine Stunde Ausgang. Manchmal empfindet man es schrecklich, in den vier Wänden eingeschlossen zu sein.

15.3. Heute zum erstenmal drei Stunden Ausgang und dazu strahlendes Wetter.

17.3. Viele Strassen in Lobberich wurden geräumt. Die Leute mussten unverzüglich aus ihren Häusern und Amerikaner haben sich reingesetzt. In den Wohnungen der Parteigenossen, die vor dem Einzug der Amerikaner geflüchtet sind, ist alles kaputtgeschlagen worden. Die Leute, die aus den Häusern müssen sind schrecklich erregt und müssen nun eine neue Unterkunft suchen. Die Erregung hat sich auch aller anderen Menschen erfasst, und alle denken voll banger Sorge: ob wir nicht auch noch aus der Wohnung müssen? Es ist ein furchtbares Gefühl!

19. März 1945 - Der Nachschub der Amerikaner hat noch immer nicht aufgehört. Auf den Straßen ist immer reger Verkehr, angefangen von den kleinen Wagen, die alles bei sich haben, z.B. riesige Hebekräne. An diesen Wagen laufen in einer Reihe nebeneinander 8 schwere Gummiräder.

20. März 1945 - wir haben noch immer 3 Stunden Ausgang und unser Leben läuft geregelt weiter. Der Bauer darf jetzt von morgens bis abends im Feld arbeiten und die Leute 3 Stunden im Garten. Im Allgemeinen darf sonstiger Berufsarbeit noch nicht nachgegangen werden - wohl Bäcker und Metzger und auch die Ärzte haben wieder Sprechstunden.

21. März - Frühlingsanfang und herrlichstes Wetter. Aber die schwersten Bomberverbände ziehen fast ununterbrochen Tag und Nacht über uns. Ob denn noch immer kein Ende kommt?? Es ist ja schrecklichster Wahnsinn! All die armen Menschen, die es jetzt noch trifft. Wir haben es jetzt glücklich überstanden, aber was noch kommt, weiß man noch immer nicht. Ich schlafe fast keine Nacht, denn meine Gedanken und Sorgen sind bei meinem Mann, Wie wird's ihm gehen. Ob er überhaupt noch lebt? Schlimme Gedanken! Aber ich will an seine Heimkehr glauben.'

23. März - wieder herrliches Wetter - aber wieder Bomber über Bomberverbände. Heute erschien zum erstenmal eine amerikanische Zeitung in deutscher Sprache. Sie ist vorn 19.3. Die Amerikaner sind schon auf der gesamten Front bis zum Rhein vorgestoßen. Bis unten bei Koblenz ist das ganze Rheinland in seiner 1 land. Bei Remagen hat ei, einen großen Brückenkopf gebildet und ist dort schon auf der anderen Rheinseite. Krefeld-Uerdingen soll er auch schon überrollt haben

Vom Osten rückt der Russe unerbittlich vor - von Küstrin Frankfurt/Oder stößt er vor, sitzt schon in Pommern. Stettin ist auch gefallen. In Kolberg sind heftige Straßenkämpfe. Die Ostsee ist somit schon zu einem beträchtlichen Teil in russischer Hand, Von Berlin weiß ich noch nichts, wohl hat Berlin ununterbrochen Angriffe gehabt.

27. März - die Amerikaner sind zum größten Teil alle abgerückt. Abends um 18.30 Uhr fuhr auch der Kommandant fort. Er war sehr ordentlich, Ob wir jetzt eine feste Besatzung bekommen? Es ist auf einmal alles so still geworden - nicht mehr das ununterbrochene Fahren auf den Straßen.

28.3. - viele Männer sind geholt worden zum Munitionsabladen. Fast alle Straßen in Lobberich sind voll von Munition. In anderen Orten sieht's genauso aus - alles Nachschub! Unsere armen Jungens ... !

29. März - Heute vor genau 4 Wochen hatten wir die schreckliche Nacht vor uns - der Amerikaner stand vor Lobberich.

30. März - Heute haben wir Ausgang von 7 - 18 Uhr. Es ist herrlich. Auch darf man ins ganze Kreisgebiet - außer nach Oedt. In Oedt muss irgend etwas passiert sein - dort ist auch kein Ausgang. Nachmittags kommen wieder viele Bomberverbände, Ob der Krieg noch immer kein Ende findet?

April - Ostern - Fest des Friedens! Aber es ist noch immer kein Frieden. Heute hören wir zum erstenmal Radio. Strom kam ganz überraschend . Wir trauen kaum unseren Ohren, als die Stimme des Sprechers sagt, dass der Feind schon in Minden ist - er schießt schon in Hannover hinein, steht bei Kassel, Fulda und unten bei Würzburg und immer weiter, immer weiter. Es ist kaum zu glauben. Die armen, armen Menschen - so viele Frauen und Kindern, die hier vor Elend und Bomben flüchteten und nun dort in noch viel größeres Elend hinein-gekommen sind, Die Orte, welche von Militär verteidigt werden oder wo dem Vormarsch Widerstand entgegengesetzt wird, werden mit Bomben belegt und gehen in Flammen auf. Welch ein Wahnsinn, hier die Menschen in den grausamsten Tod und in ihr Unglück zu stürzen! Und die armen Soldaten, die noch im letzten Augenblick ihr Leben lassen müssen! Mit bitteren und wehen Gefühlen denke ich an meinen Mann und an meine Geschwister. Hoffentlich geht alles gut.

2. April - Bei uns ist auch noch alles ruhig. Neue Besatzung ist noch nicht gekommen. Wir haben auch jetzt immer Ausgang von morgens bis abends. Das Leben geht seinen geregelten Gang und die Flieger tun uns nichts. Es ist ein wunderbares Lind glückliches Gefühl - aber die anderen Armen jenseits...

8.4. - es ist noch alles Ruhig hier - noch keine Besatzung. Aber holländische Soldaten sind gekommen, gehen in die Häuser und holen holländische Radioapparate und Fahrräder heraus. Parteimitglieder müssen auch ihre Apparate abgeben, Die Leute sind aufgeregt. Viele haben schon jahrelang holländische Apparate.

10.4. - Wir haben noch längeren Ausgang und zwar von 8.30 Uhr. Draußen ist es herrlich. Alles grünt und blüht - eine blühende Pracht - traumhaft schön. Wäre nur Frieden!

11.1 - Immer werden die Klagen lauter, dass Ukrainer einbrechen Lind stehlen. Sie werden sehr frech. Verschiedene Bauernhöfe sind ganz ausgeplündert. Sogar im Bürgermeisteramt wurde eingebrochen - alle Schreibmaschinen gestohlen. 12.4.- Hannover steht in Flammen - Braunschweig ist gefallen - es geht immer weiter.

Am 13. April 1945 stirbt Präsident Roosevelt.

18. 4. - Im Bürgermeisteramt in Breyell müssen wir amerikanische Militärpässe mit Fingerabdruck für die Einwohner schreiben. Jeder Parteigenosse muss sich melden und einen besonderen Fragebogen ausfüllen Viele, die sich vorher hervorgetan haben, sitzen schon und viele haben Hausarrest. Aus den Behörden und Betrieben sollen sie alle fliegen.

Der Ruhrkessel, der immer mehr eingeengt und zerstört wurde, ist nun von den Amerikanern ganz besetzt. In Mitteldeutschland geht der Amerikaner immer weiter vor - eine Stadt nach der an deren fällt.

Am 20. April stehen die Amerikaner schon 30 km vorm Brandenburger Tor - 13 km ist der Russe vor Berlin, Der Amerikaner rückt noch weiter vor und die Vereinigung mit der russischen Armee steht bevor.

Hier ist noch alles ruhig und friedlich. Die wenigen amerikanischen Soldaten, die abends durch die Strassen patrouillieren sind ordentlich und schon zutraulich.

Am 24. April hat Hitler die Führung von Berlin übernommen. In Berlin stürmt der Russe vorwärts. Schwerste Kämpfe sind entbrannt. Die umkämpften Stadtteile stehen in Flammen. 2/3 von Berlin hat der Russe schon in Besitz. Die amerikanisch- russische Vereinigung hat noch nicht stattgefunden. Es ist eigenartig - von den Amerikanern hört man im Augenblick gar nichts, Jeder hat gedacht - beide stürmen gemeinsam gegen Berlin. Aber es ist nicht so. Hoffentlich wird das nicht wahr, was schon öfter erzählt wird, dass Amerika noch gegen Russland in Deutschland kämpfen wird. Es wäre ja zu entsetzlich. Hoffentlich hört das Elend bald auf.

24.4. - heute müssen alle Photoapparate abgegeben werden. Die wenigen amerikanischen Soldaten sind auch wieder weg. Ob wir Besatzung bekommen? Draußen ist trübes und regnerisches Wetter.

27. April - es kommen Nachrichten und Gerüchte

Göring ist mit seiner Familie und seinem Schmuck im Wert von 5 Millionen Pfund Sterling im Flugzeug geflüchtet - Ziel noch unbekannt. Reichsfrauenführerin Scholz-Klink hat sich vor 14 Tagen in Stuttgart erschossen. Mussollini ist gefangen genommen. Vier Mächte kämpfen in Deutsachland: Amerikaner, Russen, die Engländer in Norddeutschland und die Franzosen im Süden. Deutschland verblutet!

Einzelnen, die unter schweren Strapazen von jenseits des Rheins gekommen sind, berichten, dass es dort, ganz fürchterlich aussehe. In Berlin sind die Kämpfe ganz fürchterlich.

Himmler hat Waffenstillstandsgesuch an Großbritannien und USA durch schwedischen Unterhändler (Neffen des schwedischen Königs) eingereicht. Aber die Alliierten erkennen das nicht an, da an Russland kein Waffenstillstand gerichtet wurde.

München ist auch gefallen. In ganz Bayern waren schon Revolten ausgebrochen.

Hier bei uns ist in jedem Haus wohl Leid. Jeder hangt um den Mann, Vater oder Sohn, der draußen im Kampf steht und um die Angehörigen, die vielleicht in sehr großem Elend sitzen. Ob sie wohl nach Hause kommen? Jeder zittert bei diesem Gedanken und jeder hofft ...

Oberitalien ist nun auch ganz in amerikanischer Hand. Mussolini und 17 seiner Anhänger sind durch italienische Freiheitskämpfer gerichtet und erschossen worden, Das Ende muss kommen - man wartet jeden Tag darauf.

9/10 von Deutschland ist in alliierter Hand, Himmler soll wieder ein neues Waffenstillstandsgesuch einreichen. Stündlich soll es eintreffen, verkündet der Luxemburger Sender. Warten und warten auf das Ende.1.Mai - früher Tag der nationalen Arbeit. Heute weht in Berlin auf dem Reichtagsgebäude die rote Flagge. Die letzten Kämpfe sind jetzt noch in der Nähe des Tiergartens. Der Russe stürmt weiterhin auf Rostock zu, Der Engländer kämpft auch im Norden - er steht 50 km vor Lübeck im Süden stößt der Franzose in die Alpen vor. Ein Ort nach dem anderen wird genommen. Auch in Österreich ist der Franzose schon. Der Amerikaner stürmt auch im Süden weiter. Er hat schon Braunau am Inn, die Geburtstätte des Führers erreicht.

Bei uns ist alles friedlich, aber die Diebstähle nehmen wieder zu. Holländer und Amerikaner fahren am späten Abend mit Wagen vor, nehmen Radioapparate, Uhren und Schmuck mit - viele mit vorgehaltenem Revolver. Es sind nun amerikanische Patrouillen in Lobberich und Breyell eingesetzt, denn es sind nur einzelne Elemente, die aus der Rolle fallen. Viele Fahrräder sind auch schon gestohlen worden.

Die Kämpfe in Deutschland gehen weiter und das Ende ist immer noch nicht da.

Adolf Hitler soll tot sein. Er soll den Heldentod gefunden haben, Aber keiner glaubt es, Viele Gerüchte tauchen auf'. Er soll am 24.4. schon eine Gehirnblutung gehabt haben und daran verstorben sein. Andere sprechen von Selbstmord. Großadmiral Dönitz hat die Führung übernommen und er fordert den Weiterkampf. Man kann es nicht fassen, noch sollen weiterhin viele sterben,

3. Mai - noch immer kein Frieden - Oberitalien, Steiermark, Kärnten und Tirol haben kapituliert.

4. Mai - in ganz West- und Norddeutschland und in Dänemark soll Waffenstillstand sein.

5. Mai Der Kampf in ganz Deutschland soll bis morgen 12 Uhr eingestellt sein! Ob's wahr ist? Es ist ein trauriges und schreckliches Ende für Deutschland, und wir nehmen es als solches hin. Wir atmen auf, dass das Morden und grausige Vernichten aufhört. Wie ist unser Volk und Elend und Verderben gestürzt worden. Und alle die Opfer umsonst ... ! Und jetzt die wehen und bitteren Gedanken. Wer kommt nach Hause? Wie habe ich bisher schon gelitten in Sorgen und Bangen um meinen Mann! Hoffentlich schickt der Herrgott ihn mir nach Hause - hoffentlich, hoffentlich! Hier ist in jedem Haus wohl Leid, jeder bangt um den Mann, den Vater, Sohn oder Bruder, der draußen im Kampf steht und um die Angehörigen, die vielleicht in sehr großem Elend sind. Ob sie wohl nach Hause kommen? Jeder zittert bei diesem Gedanken und jeder hofft, hofft - hofft!

7. Mai - ENDLICH, ENDLICH soll Friede sein. F R I E D E!

Unser gewaltsames Verlangen, unser Schrei nach Aufhören von den schrecklichsten Morden und Blutvergießen. von dem entsetzlichsten Elend und der furchtbarsten Not der vergangenen Jahre kann verstummen. Kann verstummen, was den Krieg anbetrifft, aber was wird uns weiterhin an Not und Elend bevorstehen, uns dem besiegten und verlorenen Deutschland? Armes Deutschland! Welch ein Friede, welch ein entsetzlicher Friede? Wie hatten wir uns den Frieden vorgestellt? Was war uns alles gesagt worden? Jetzt liegen wir zerschunden und zerschlagen am Boden. Und das Blut und das Leben unserer Soldaten, Unsere Frauen und unsere Kinder, die gemordet wurden? Hab und Gut, das man opfern musste? Alles umsonst! Wie furchtbar!

8. Mai 1915 - der Friede soll tatsächlich da sein. Heute wird es allgemein bekannt gegeben



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