Schulbesuch von 1939 bis 1947

von Heinz Hauertz (*1933)


Die Zeit

Hitler kam im Januar 1933 an die Macht. Die Kinder des Schuljahrgang 1932/1933 wurden also zum Zeitpunkt der Machtergreifung der Nationalsozialisten geboren.

Bei der Einschulung am 21. April 1939 hatten sich offensichtlich die Menschen bereits an die neue politische Situation gewöhnt, bzw. gewöhnen müssen. Kurz vorher im November 1938 brannten in Deutschland die jüdischen Synagogen. Als letzter Jugendverband wurde die Kath. Jugend endgültig verboten. Alle Kinder ab dem 10. Lebensjahr sollten jetzt einheitlich nach "braunen" Gesichtspunkten im Jungvolk bzw. in der Hitlerjugend erzogen werden.

Nachdenklichen Menschen war so langsam aufgegangen, dass es aufgrund der rassistischen und nationalistischen Politik des Regimes bald Krieg geben könnte.

Wir Kinder hatten damit noch nichts zu tun, meinten wir. Wir hatten alle noch ausschließlich Spielen im Sinn. Aber das stimmte so nicht; die Nazis hatten sehr wohl uns Kinder im Blick, um uns für ihre Zwecke zu beeinflussen.

Während der Nazizeit, insbesondere seitdem die Deutschen in Belgien einfielen - bzw. Belgien überfielen - wurde ein belgischer Klassenkamerad vom Unterricht ausgeschlossen: Werner Stragier. Damit war er wohl der einzige Schüler, der in besonderer Weise erhebliche Nachteile erleiden musste.

Ganz sicher können fast alle meines Jahrgangs sagen, dass sie nicht einmal 7 Jahre die Schule besuchten. Zunächst gab es den Unterrichtsausfall beim Fliegeralarm während der Unterrichtszeit. Oft mussten wir mit den Eltern bzw. den Müttern auch nachts in den Luftschutzkeller. Es lag ja auf der Hand, dass wir dann im Unterricht nicht immer konzentriert bei der Sache waren. Völlig ausgefallen ist der Unterricht von September 1944 bis August 1945.

Viele Väter mussten während des Krieges zum Militär und blieben auch meist noch jahrelang in Gefangenschaft. Einige Väter kamen auch gar nicht mehr nach Hause. Also ist unser Jahrgang mehr oder weniger vaterlos aufgewachsen. Die Mütter als "Alleinerziehende" haben die ganze Last der Kriegszeit und der Erziehung der Kinder tragen müssen.

Alle Schülerinnen und Schüler waren 1939 mehr oder weniger "echte" Lobbericher. Insbesondere für die Jungen galt es bei der Einschulung sofort eine Fremdsprache zu lernen, nämlich deutsch.

Lobberiker Plott war zu Hause und auf der Straße (auch in den Betrieben wie bei Niedieck ) die Hauptsprache der Einheimischen. Dies änderte sich erst langsam mit der Aufnahme von Flüchtlingskindern nach 1945. Aber auch zunehmend legten die Eltern Wert auf das Erlernen der deutschen Sprache, wenn diese auch sehr oft "möt Striepe" gesprochen wurde.

In den beiden ersten Schuljahren lernten wir noch die sogenannte Sütterlinschrift. Erst im dritten Schuljahr wurde uns die "lateinische" Schrift beigebracht.

Mindestens für die Jungen war 1943 - also mit 10 Jahren - die Mitgliedschaft im Jungvolk Pflicht. Auch die Lehrer, die in den letzten Jahren ein Parteiabzeichen trugen oder tragen mussten (die "Brosche") achteten darauf und fragten montags nach, ob man auch am Dienst teilgenommen hatte. Gelegentlich gab es das Problem, dass sich Hitlerjugenddienst und Kirchenbesuch ( viele Jungen waren auch Messdiener) zeitlich überschnitten. Dann gab es gelegentlich Schwierigkeiten. Für uns Kinder war das alles nicht problematisch. Erst später wurde uns das mit zunehmendem Alter bewusster.

Um die Bereitschaft zum Eintritt in das Jungvolk zu fördern, erhielten die Jungen von den Nazis bei der Aufnahme eine Skihose und ein sogenanntes Braunhemd gestiftet.1

Nach Beendigung des vierten Schuljahres bestand für einige, wohl von der Schule ausgesuchte Schüler (sicher an der Dorper Scholl) die Möglichkeit, die von den Nationalsozialisten eingerichtete Hauptschule in Breyell zu besuchen. Eine Schülerin machte m.E davon Gebrauch; die anderen Schüler verzichteten, weil die Eltern eine zu starke nationalsozialistische Beeinflussung befürchteten.

In dieser Zeit befanden sich bereits keine Kreuze mehr in den Schulen und gebetet, wie früher, wurde auch nicht mehr. In besonderer Erinnerung blieb der Beginn der Schulferien. Wir mussten auf dem Schulhof antreten und das Deutschlandlied und das Nazilied "Die Fahne hoch" singen. Dann wurden wir von Rektor Weyers in die Ferien entlassen.

In der "schulfreien" Zeit (?) mussten die Jungen bereits beim sogenannten Schanzen helfen und Schützengräben ausheben. Dabei gab es auch Luftangriffe von JaBos, es ist aber nicht bekannt, ob auch in Lobberich auf die schanzenden Kinder geschossen wurde.

Ansonsten hat uns, so glaube ich, die Nazizeit in der Schule nicht sonderlich belastet. Oder lag es daran, dass das Elternhaus die "braunen" Männer nicht unterstützt hat?

Die Lehrer und die Schulpädagogik

In der Schule war allgemein ein autoritärer Erziehungsstil üblich, wie es sicher auch die Nazis wollten. Ein individuelles Eingehen auf Kinder passte nicht ins System. Frontalunterricht war daher angesagt. So hieß das Motto: Führer (Lehrer) befiel, wir folgen dir!

Aber auch noch nach dem Krieg hatte sich noch kaum etwas in der Pädagogik geändert. Dass wir Jungen auch noch im 7. und 8. Schuljahr - also auch noch nach 1945 - von Katzer Heinrich mit seinem "Stöckchen" mindestens auf die offene Hand geschlagen wurden, war selbstverständlich. Das wurde auch im gewissen Sinne von den Eltern (die früher auch geprügelt wurden und dies auch damals noch für richtig hielten) und den Schülern akzeptiert.

Eltern hatten offensichtlich überhaupt keinen Einfluss in den Schulen. Es galt aber auch die Devise: Was, der Lehrer hat dich geschlagen? Dann hast du es auch verdient. Und der Schüler bekam oft zu Hause auch noch Hiebe zusätzlich.

Wie auch heute haben seiner Zeit vor allem in den unteren Klassen Frauen unterrichtet. Aber, sobald sie heirateten, mussten sie den Dienst quittieren. Die Lehrerinnen wurden ausnahmslos mit Fräulein (Teggers, Thieme, Esch, Kämpchen usw.) angeredet.

Wollte man sich als "Plümme-Strieker" betätigen, half man dem Fräulein Lehrerin im Anschluss an den Unterricht die Tasche nach Hause tragen.

Die Aufsicht in den Schulpausen übten die Lehrpersonen dadurch aus, dass sie auf dem Schulhof in der Reihe und nebeneinander hin- und hergingen.

Lehrpersonen an der Volksschule I

Lehrpersonen an der Volksschule II

Sport wurde in dieser Zeit nur in sehr bescheidenem Maß betrieben. Wir gingen schon mal mit der Klasse spazieren, auch zum Schwimmunterricht in den "Breyeller See". Oder wir mussten Heilkräuter sammeln. Ob wir auch von der Schule aus zum "Schanzen" gingen, kann ich nicht mehr sagen.

Das Einsammeln der Kartoffelkäfer haben wir m.E. auch unter Aufsicht der Lehrer tun müssen. Es wurde gesagt, diese Käfer hätten die Anglo-Amerikaner bei uns abgeworfen, um unsere Ernährung zu schädigen.

Soweit meine Erinnerungen.

Gerd Smits erinnert sich noch an die Strohhalme, die die "Dorper" Schüler bei Frl. Teggers in die Krippe der Klasse legten, wenn sie in der Weihnachtszeit zu Hause besonders "brav und lieb" gewesen waren. Auch weiß er noch, dass in der fast einjährigen Unterrichtspause 1944/1945 gelegentlich für kleine Gruppen Unterricht, z.B. von Heinrich Katzer, in Privatwohnungen erteilt wurde.

Die Volksschulen

In Lobberich gab es seinerzeit zwei Volksschulen (in Dyck jedoch stand den Kindern bis 1966 eine eigene meist zweizügige Volksschule zur Verfügung),die die Kinder vom ersten bis achten Schuljahr förderten. Außerdem wurden nach dem vierten Schuljahr Kinder in der "Rektoratsschule" - der damaligen gymnasialen Zubringeschule unterrichtet.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde zunächst die Volksschule I an der Jahnstraße und 10 Jahre später die Volksschule II an der Sassenfelder Straße errichtet.

Nach dem Krieg hat es eine zeitlang die Evangelische Volksschule gegeben, die dann 1968 zur Evgl. Grundschule und später zur jetzigen Gemeinschaftsgrundschule umgewandelt wurde.

Die Volksschule I erhielt in den 1960er Jahren ein neues Gebäude an der Süchtelner Straße, das 1968 Schulort für die jetzige Gemeinschaftshauptschule wurde.

Als I-Dötzchen wurden wir entweder in der "Dorper" oder in der "Zossefelder Scholl" eingeschult. Die Lobbericher benutzten nur diese Bezeichnungen für ihre Schulen. Nur die Behörden benutzten die offiziellen Bezeichnungen: Schule I und II.

Nach Beendigung des Krieges wurden beide Schulen wieder zu Katholischen Volksschulen, und zwar bis zur Schulreform 1968. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Volksschulen aufgegeben und die Grund- und Hauptschulen gegründet. Inzwischen gibt es noch eine kath. Bekenntnisgrundschule und eine Gemeinschaftsgrundschule.

Weiterführende Schulen

Nach dem vierten Schuljahr - also im Frühjahr 1943 - gingen viele Mädchen und Jungen der beiden Volksschulen zur gymnasialen Zubringeschule. Aber fast alle wurden mit Erreichung der Schulpflicht im März 1947 aus der Schule entlassen.

Eine Berufsschule, man nannte sie Fortbildungsschule, wurde 1936 in Lobberich eingerichtet.
Wenn meine Eltern davon sprachen, muss es die Fortbildungsschule schon früher gegeben haben.

Sicher hat es zu unserer Schulzeit keine Sonderschule für Lernbehinderte (seit 1965) und erst recht nicht für Erziehungshilfe (seit 1982) gegeben. Die Schulleitungen unterrichteten angeblich keine lernschwachen bzw. verhaltensauffälligen Schüler !

Wir feiern zwar 2007 die Schulentlassung nach 60 Jahren. Wir sind allerdings nicht 100%-ig alle 1939 aufgenommen und 1947 entlassen worden.

Chronik der Volksschule I 1939-1945 Kriegs- und Nachkriegszeit

Schuljahr 1939/1940

Chronik der Volksschule II 1939 - 1947 Kriegs- und Nachkriegszeit


Schlussbemerkungen

Nicht nur die eigenen Erinnerungen an die Schulzeit sind verständlicherweise voller Lücken, sondern auch die Schulchroniken sind relativ unvollständig. In der Sassenfelder Schule fehlen ganze Seiten aus der Kriegszeit und damit auch während unserer Schulzeit. Andererseits besteht auch für die Schulleiter keine Pflicht zur Führung einer Chronik.

Ausgangspunkt für meine "Nachforschungen" war die Überlegung, dass wir ein Schuljahrgang waren, der - erst recht unter dem Gesichtspunkt heutiger Schulbildung - ausgesprochen benachteiligt war. Ob wir letztlich wirklich so schlecht für das Leben vorbereitet, schulisch gefördert und gebildet wurden, möchte ich bezweifeln.

So möchte ich bitten, das Gesagte bzw. Geschriebene entsprechend zu werten.

Dieser kleine Einblick in die Schulzeit in einer mehr als besonderen und schwierigen Nazi-, Kriegs- und Nachkriegszeit darf gerne mit hier nicht festgehaltenen Ereignissen ergänzt und vervollständigt werden.

Nettetal-Lobberich im Juni 2007

Heinz Hauertz


Quellen:

1) Gerd Smits


Schulen.

Geschichte(n) - auch aus anderen Quellen.


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