Eine ROKAL-Lok,
die nie das Licht der Welt erblickte

(der Versuch einer Rekonstruktion)


Vorgeschichte

Als vor ca. 20 Jahren AKTT-Mitglied und ROKAL-Enthusiast Jakob Molderings Kontakt mit den Nachfahren des ROKAL-Gründers Robert Kahrmann in Lobberich aufnahm, um sich nach Informationen zur Firmengeschichte und Überbleibseln der Modellbahnproduktion zu erkundigen, ahnte er noch nicht, was da auf ihn zukam. Er wurde überaus freundlich von Tochter und Schwiegersohn Robert Kahrmanns empfangen und nur kurze Zeit später hatte er Mühe, die Berge von im Privathaushalt Kahrmanns übriggebliebenen Konstruktionsunterlagen aus über zwanzig Jahren ROKALModellbahnproduktion mit dem PKW nach Hause zu schaffen. Bei der Sichtung der Unterlagen zeigte sich, dass Konstruktionspläne aller wichtigen Triebfahrzeuge vorhanden waren. Jakob Molderings staunte nicht schlecht, als sogar Skizzen für eine amerikanische Dampflok auftauchten, die ROKAIL dann allerdings nicht mehr produziert hatte. Kopien dieses Plans und einiger weiterer interessanter Loks und Wagen schenkte er damals freundlicherweise dem AKTT zur Versteigerung und Weitergabe an die ROKAL-Experten des Vereins. So gelangten Kopien auch zu Ewald Breukking, dem "ROKAL-Urgestein" unseres Vereins. Als US-TT-Interessierter war ich glücklich, als Ewald Breucking mir im Herbst letzten Jahres den Konstruktionsplan für die ROKAL-US-TT-Dampflok überließ. Es ist ja zunächst kaum zu glauben, dass ROKAL vorhatte, tatsächlich eine solche Lok zu produzieren - und dazu noch eine "Mallet-Lok"(!), aber schließlich gab es auch die SANTA FEund UNION PACIFIC-Züge und die Geschichte der Auffindung lässt keinen Zweifel zu.

"B-achsige, schwere Dampflok - amerik. Mallet-Lok 01034"...

... so lautet die Bezeichnung der Konstruktionsskizzen auf dem im Original 135 x 75 cm großen Plan. Es war offenbar sogar schon die Artikel- oder Produktionsnummer 01034 für das Lokmodell vorgesehen, und wenn man z.B. die MlKADO-ROKAL-Liste konsultiert, so stellt man fest, dass diese Nummer auch nicht anderweitig vergeben war und dennoch in das ROKAL-Nummernschema passt. Eine Angabe zum Enstehungszeitpunkt fehlt auf dem Plan. Aus der Art der Artikelnummer lässt sich aber schließen, dass die Skizzen wohl irgendwann zwischen 1962 und 1967 entstanden sein müssen. Aufgrund der Achsfolge der Lok - lCC1 (US: 2-6-6-2) - war es leicht herauszufinden, welche Originallok sich der Konstrukteur für das Modell zum Vorbild genommen hatte. Zwar gab es eine ganze Reihe unterschiedlicher amerikanischer Mallet-Loktypen, die diese Achsfolge aufwiesen, doch liegt es ja nah, in eines der Typenbücher für US-Dampfloks zu schauen, um sich zu informieren. Zum besseren Vergleich nimmt man natürlich eines mit Maßskizzen, und das am weitesten verbreitete Werk diesbezüglich ist die "Model Railroader Cyclopedia Volume 1: Steam Locomotives" von Lynn H. Westcott aus dem KALMBACH-Verlag. Das Buch ist erstmals 1959 erschienen, und das ist in unserem Fall von Interesse, denn offensichtlich war ein Exemplar auch in den Händen des ROKAL-Konstrukteurs. Schlägt man nun die Seiten mit Abbildungen und Skizzen von 1 CC 1 Mallets auf, so sticht sofort die H-Typenreihe der "Chesapeake & Ohio Railroad" ins Auge, denn - welch Zufall - die als HO-Maßskizze abgebildete Lok Nr. 1304 kommt einem bekannt vor. Gleiche Achsfolge, gleiche Loknummer und eine ganze Reihe von technischen Details findet man exakt in den ROKAL-Konstruktionsplänen wieder.


Rechte Seitenansicht des nachgebauten Modells, die Pertinax-Isolierung
der vorderen 24er Triebgruppe bleibt sichtbar.


Der Platz für die Pumpen findet sich auf der linken Seite.

Das Vorbild: die "H6 (2-6-6-2 Articulated) Baureihe der Chesapeake & Ohio Railroad" von 1949

Für ihre Kohlenzüge auf Bergstrecken in den Appalachen orderte die C&0 schon 1911 bei ALCO 25 ICC1-Malletloks der Reihe 112. Die Maschinen ersetzten in Doppeltraktion eingesetzte Consolidations (lD). Sie erwiesen sich als so erfolgreich, dass bis 1923 insgesamt 95 weitg hend baugleiche Loks der Reihen H3 bis H6 nachgeliefert wurden. Als 1949 die ältesten Loks dieser Baureihen völlig verbraucht waren, ersetzte man sie sogar nocheinmal durch zehn Nachbauten der Reihe H6, die bei BALDWIN als letzte überhaupt von dieser berühmten Lokschmiede an US-Gesellschaften gelieferten Dampfloks. Sie wurden nur in wenigen Details der zwischenzeitlichen technischen Entwicklung angepasst. (Rollenlager, Überhitzer, usw.). Zu dieser letzten Lokgruppe gehört auch unsere Vorbildmaschine Nr. 1304. (Einige technische Daten: Gewicht der Lok ohne Tender ca. 204 t, Zugkraft ca. 446 kN, Länge inkl. Tender ca. 29,5 in.)


Seitenansicht der projektierten Mallet-Lok, deutlich zu erkennen ist die weitgehende Identität
der Triebradgruppen mit der ROKAL BR 24. (Die schlechte Wiedergabequalität liegt in
erster Linie am Zustand der Blaupause.) / Foto: W. Knipping

Nachbau der ROKAL-Konstruktion - "ein Versuch"

Für den Tender des ROKAL-Mallet-Entwurfs existiert,leider keine Konstruktionsskizze. Die Vorbildmaschine hatte, wie man der KALMBACH-Skizze entnehmen kann, einen sogenannten 4achs. "rectangular"-Tender. Vergleicht man die Vorbildskizze der Lok mit der ROKALKonstruktionsskizze, so fallen einige Unterschiede ins Auge, die sich wohl hauptsächlich aus der aus wirtschaftlichen Gründen notwendigen Verwendung von bereits im ROKAL-Programm vorhandenen Baugruppen- und teilen ergeben. Die beiden C-gekuppelten Antriebsgruppen lassen unschwer die Abkunft von der ROKAL BR 24 erkennen. Als mir das klar wurde, reifte auch der Gedanke, ein Lokmodell ohne unvertretbar hohen Aufwand nach der ROKALSkizze entstehen zu lassen. Zwei ROKAL BR 24 mussten her, die übrigen Teile ließen sich, wenn auch mit Kompromissen, aus Bauteilen der Firmen H.P. und TOMALCO (US-Firmen, die von den 40er bis 60er Jahren Bausätze und teile für US-TT-Modelle produziert hatten) ergänzen, schließlich lag ja noch genug davon im Schrank. H.P. hatte sogar den zum Vorbild passenden Tender im Programm, unter den konnte man Originaldrehgestelle von ROKAL setzen, Typ US-Bettendorf, wie sie unter ROKAL-Niederbord, Tank- und Erzwagen laufen. Wie schon gesagt waren Kompromisse notwendig, denn die Lokzurüstteile der genannten Firmen entsprechen zwar zum Teil sehr gut den Vorgaben der ROKAL-Skizzen, z.T. aber auch nur ungefähr.


Zumindest eine Gattung US-Wagen hatte ROKAL ja schon im Programm,
vor den Reisezugwagen der UNION PACIFIC hätte sich die Lok wohl auch nicht schlecht gemacht.

Auch der Motorblock der BR 24 entspricht im Gegensatz zur übrigen Antriebsgruppe nicht ganz dem Entwurf. Hier sollte aber der 24er Antriebsblock unverändert erhalten bleiben, auch der original ROKAL-Fahreigenschaften wegen - Kompromiss daher: die H.P. Kabine sitzt etwas höher und hat keine schrägen Stirnfronten, um den 24er Motorblock vollständig zu verdecken.  Um nun alle Teile gekonnt zusammenzuftigen, einen Kessel aus Messing zu 11 schmieden" und die erste Antriebsgruppe vom Motorblock zu befreien, brauchte ich professionelle Unterstützung, die ich in AKTT-Freund Christian Kühr fand, der den Bau der Lok übernahm. Danke!!! Hätte ich allein gewerkelt, wäre die Lok wohl etwas "wüster" geraten. Zur Farbgestaltung des Modells ist aus den ROKAL-Skizzen nichts zu erhellen, also habe ich mich an die Vorgaben der (Chesapeake&Ohio Railroad" gehalten, vielleicht hätte das ja auch ROKAL getan, es wäre jedenfalls naheliegend gewesen. Sicher hätte man aber auch noch SANTA FE oder UNION PACIFIC Beschriftungen gewählt, um für den deutschen Kunden bekannte Namen präsentieren zu können, so genau nahm man es ja damals nicht.


Neben der Unteransicht von Vorläufer und Schienenräumer befinden
sich auf der originalen ROKAL-Konstruktionszeichnung auch die
Bezeichnung und Zuordnung der Lok.

Inwieweit uns nun der Nachbau "im Rahmen des für uns Machbaren" gelungen ist, mag jeder Leser anhand der Fotos und Skizzen selbst beurteilen, es hat jedenfalls Spaß gemacht. Dank nochmal allen, die dazu beigetragen haben!

Wilfried Knipping


Hinweis: Der Autor hat mit Datum vom 10. Januar 2005 erlaubt, seinen Bericht hier online anzubieten.
Das bedeutet aber keine generelle Erlaubnis, diese Daten zu verwenden, zu kopieren oder weiter zu verarbeiten:
Die Rechte an den hier angebotenen Texten und Fotos liegen weiterhin bei Wilfried Knipping.

Veröffentlicht wurde dieser Artikel auch im: TT-Kurier, Berlin 1/2002, 16ff.


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