Dr. Hanna Meuter (1889 - 1964):
Soziologin, Publizistin und Zeitgenossin



Signatur Hanna Meuter. Repro: www.lobberich.de


Entwurf für die 29. Prägung
der Gedenkmedaille des Kreises Viersen


VON THERESA WOBBE

Als Hanna Meuter 1948 daran erinnerte, daß von den ehemals 150 Mitgliedern der "Deutschen Gesellschaft für Soziologie" über die Hälfte ,nicht unbeeinflußt durch die Vernichtungsverfahren der Zeit, heute nicht mehr unter uns sind",] stellte dies etwas Ungewöhnliches dar. Hanna Meuter war eine der wenigen Kollegen, darunter z. B. Heinz Maus, die von der nationalsozialistischen Verfolgung sprachen.

Hanna Meuter gehört zu den ersten deutschen Soziologinnen. (2) In den 20er Jahren zählt sie als einzige Frau zu den ständigen Mitarbeitern der Kölner Vierteljahreshefte für Soziologie" und zum Kreis um die Soziologische Abteilung des Kölner, "Forschungsinstituts für Sozialwissenschaften. (3) Sie veröffentlicht nicht nur für uns inzwischen klassische soziologische Studien, sondern sie betritt auch neue Terrains wie das der Literatursoziologie. Schließlich erscheint 1928 von ihr eine Einführung in die Soziologie. (4)

"Die Rheinländerin ist an vielen Stellen die Erste". So beginnt sie zu Ende der 20er Jahre mit Sendungen im Frauenfunk des späteren Westdeutschen Rundfunks. Ebenfalls gehört sie zu einer Generation der Frauenbewegung, die noch im Wilhelminischen Deutschland ihre entscheidenden politischen Impulse erhalten hat.

Der Wechsel des politischen Systems von der Monarchie zur Republik von Weimar bedeutet trotz der schweren Hypothek, die mit der Kriegsniederlage verbunden ist, für diese Frauengeneration mehr soziale und politische Chancen in der Gesellschaft.

Hanna Meuter hat wie viele andere ihres Alters biographisch insgesamt drei Systemwechsel erfahren: von der Monarchie zur Republik, dann den Einschnitt der nationalsozialistischen Diktatur und schließlich die Entstehung der Bundesrepublik Deutschland nach 1945. Ihre berufliche Laufbahn und ihre persönliche Geschichte sind durch diese politischen Brüche geprägt.

Hanna Alma Josefa Carola Meuter wird am 30. Januar 1889 in Düsseldorf als Tochter des Ober-Postassistenten Karl Meuter und Klara Meuter, geb. Oertel, geboren.6 im Jahre 1908, als Preußen endlich als vorletztes Land des Reiches den Frauen den Zugang zum Universitätsstudium rechtlich erlaubt, verlagt Hanna Meuter gerade nach der höheren Lehrerinnenprüfung die Evangelische Höhere Mädchenschule in Köln. Als knapp Zwanzigjährige tritt sie ins Berufsleben ein und arbeitet bis 1914 als Lehrerin. Im März legt sie in Duisburg das Abitur ab, womit sie sich auch als Frau die Voraussetzung zum akademischen Studium verschafft hat.

Doch nicht nur beruflich ist dieses Jahr eine Wende. Der Beginn des 1. Weltkrieges einige Monate später bedeutet für Hanna Meuter, die in einem pazifistischen Milieu aufgewachsen ist, die erste tiefgehende politische Zensur, die für ihre Biographie prägend bleibt. Bis zu ihrem Lebensende engagiert sie sich als Zeitgenossin und in ihrer journalistischen Tätigkeit als Pazifistin.

Nach einem achtsemestrigen Studium legt sie an den Universitäten Bonn und Köln

1918 das Examen für Studienrate ab. Nun wird Hanna Meuter als erste Frau Direktorin der Evangelischen Höheren Mädchenschule in Köln-Kalk. In Zusammenhang mit Ereignissen um den Kapp-Putsch (1920) verläßt sie diese Stellung bald wieder. Die Schulvertretung, die nach Hanna Meuters Auskunft politisch und kirchlich der äußersten konservativen Rechten angehört, verlangt an besagtem Putschabende in einer grossen Schulversammlung die Ablegung eines Glaubensbekenntnisses von ihr, das sie hinterher als nicht auf gut evangel. Boden stehend achteten. (7) Aufgrund dieses politischen Konflikts verläßt sie ihre berufliche Stellung.

In den folgenden Jahren, 1921 bis 1928, arbeitet sie als Fachreferentin für das Volksbildungswesen Kö1n, in den städtischen Volksbüchereien und der städtischen Volkshochschule. Hier trifft sic Paul Honigsheim (1885-1963) als Kollegen, eine der zentralen Figuren in der KöIner Volksbildungsbewegung der Weimarer Republik. In diese Zelt fällt auch Meuters Ausbildung als Soziologin.

1924 promoviert sie an der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln bei Leopold von Wiese und Kaiserswaldau (1876-1969) - ihrem akademischen Mentor - über die "Heimlosigkeit. Ihr Einwirken auf Verhalten und Gruppenbildung der Menschen". Für diese Arbeit erhält sie den Mevissen-Preis der Stadt KöIn. (8)

Damit hat Meuter einen ersten wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer akademischen Laufbahn an der Universität zurückgelegt. Seit 1923 ist sie nun auch Hauptmitarbeiterin der Kölner Vierteljahreshefte für Soziologie", die von Leopold von Wiese herausgegeben werden. Auf dem 6. Soziologentag in Wien 1926 stellt sie in einem Hauptreferat einen Teil aus ihrer Habilitationsschrift zur Soziologie des Aufstiegs und Scheiterns" vor. Sie wird auf diesem Kongreß schon als erste Privatdozentin der Soziologie gefeiert. Doch ihr Habilitationsverfahren wird nicht zu Ende geführt. Hanna Meuter erhält niemals die Voraussetzung zur Laufbahn der Hochsehullehrerin. (10)

Da sie nicht Professorin werden kann, muß sie ihre außeruniversitäre Berufstätigkeit fortsetzen. Als Bibliothekarin der Kölner Universitäts- und Stadtbibliothek wird Meuter im April 1933 durch das nationalsozialistische "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" aufgrund des §4 (politische Unzuverlässigkeit) ohne Zahlung von Ruhegeldern aus dem Dienst entlassen. Sic bleibt zwar in Deutschland, lebt von Übersetzungsarbeiten und schreibt an einer Studie über die Anpassung der Soziologie im Nationalsozialismus, hierbei wird ihre Wohnung von der Gestapo mehrmals durchsucht.

Hanna Meuter ist bis 1928 Mitglied der SPD gewesen, und danach keiner Partei mehr beigetreten. Wohl ist sie in kleineren informellen Friedensgruppen aktiv. Gegenüber parteipolitischen Zwängen zeigt sic sich seit den 20er Jahren mißtrauisch. In den Fragebogen der englischen Militärregierung macht sie zur Religionszugehörigkeit die Angabe: Dissidentin. Die Verbindung mit der Kirche hat sie danach aus folgenden Gründen aufgelöst: ich erstrebe Gewissensfreiheit, Unabhängigkeit vom Dogma. (12)

Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, daß Hanna Meuter nach der Befreiung vom Nationalsozialismus einen Neuanfang sucht, der gesellschaftlich einflußreich sein soll. Sie gründet mit anderen 1933 zwangsweise entlassenen Kollegen - wie z. B. Leo Hilberath - die 1. Deutsche Journalistenschule in Aachen. (11) Angesichts Ihrer Erfahrung mit dem totalitären Staat wollen sie mit dieser Gründung einen Anstoß geben, um eine demokratische Generation von Journalisten und Journalistinnen auszubilden. Gleichzeitig wird Hanna Meuter im September 1945 in der Britischen Besatzungszone in der neuen Aachener Regierung zur Oberregierungsrätin für die Wohlfahrtspflege ernannt.

Am 16. 1. 1948 muß sie wegen schwerer Erkrankung, die Folge eines Sturzes, Vorzeitig in den Ruhestand versetzt werden. In der deutschen akademischen Soziologie taucht sie immer seltener auf, obwohl sie auf verschiedenen internationalen Kongressen präsent ist. Meuter beschäftigt sich nach 1945 zunehmend mit Literatursoziologie und spielt für die sich reorganisierende Literatur des Neuen Rheinlands eine wichtige Rolle. So findet das erste deutsch-französische Literaturtreffen auf der Burg Ingenhoven in Lobberich, Hanna Meuters Wohnsitz, statt. Dort stirbt sic am 6. 4.1964.

Hanna Meuter hat in ihrem wechselvollen Leben in verschiedenen Bereichen gearbeitet und sich für unterschiedliche Dinge engagiert, wovon zwei Bücher hier abschließend beispielhaft erwähnt werden sollen. In die letzten Jahre der Weimarer Republik fallen zwei große Veröffentlichungen Hanna Meuters. Zusammen mit Paul Therstappen gibt sie eine Anthologie der Gedichte afroamerikanischer Frauen und Männer heraus. (14)

Ebenfalls im Jahr 1932 gibt Hanna Meuter zwei Bände über "Heimlosigkeit und Familienleben" (11) heraus. Die Bände erscheinen in der Forschungsreihe über "Bestand und Erschütterung der Familie in der Gegenwart", die sich mit der Situation von Frauen in den veränderten Familienstrukturen und Lebensformen beschäftigt. Daß Meuter in dieser Reihe erscheint, weist auf ihre Verbindungen zur Frauenbewegung hin. Denn die Forschungsreihe erschien im Auftrage der "Deutschen Akademie für Soziale und Padagogische Frauenarbeit", die von der Berliner Sozialwissenschaftlerin Alice Salomon (1872-1947) gegründet worden war. Die Direktorin der Akademie wiederum ist Hilde Lion (1893-1970), die im selben Jahre wie Hanna Meuter 1924 an der Kölner Universität promoviert hatte. (16)

Nach 1945 hat Hanna Meuter zwar als Oberregierungsrätin beruflich ihr Terrain wechseln können, doch damit sind auch die Spuren verwischt, die auf ihre soziologischen und publizistischen Aktivitäten vor 1933 weisen. Und als akademische Lehrerin fehlt sie einer jungen Generation von Studierenden an der Universität. Für Hanna Meuter gilt, was die Historikerin Claudia Huerkamp als den "Holzweg zum Beruf" gekennzeichnet hat: während der 20er Jahre strömten zunehmend mehr Frauen in die Universität, aber sie konnten später keine akademischen Positionen erlangen. (17)

Hanna Meuter gehört zu der kleinen Schar von Frauen und Männern, die 1946 die "Deutsche Gesellschaft für Soziologie" wiederbegründen. 1948 verfassen Freunde und ehemalige Schüler eine Festschrift zu ihren Ehren. (18) Doch dann verliert sich die Spur zusehends. Inzwischen ist Hanna Meuter im Rahmen einer Soziologiegeschichte und Frauenforschung entdeckt worden. Gänzlich verborgen ist allerdings bisher ihre literatursoziologische Arbeit und ihre Bedeutung für die Reorganisation des Neuen Rheinlandes.

In der Schriftenreihe des Kreises Kempen-Krefeld erschien 1959 als Band 12: Breyell, wat huckste knäbbig!
Ein Heimatbuch vom alten Kiepentrager-Dorf. Bearbeitet von Dr. Hanna Meuter.


Der Artikel wurde in der ursprünglichen Rechtschreibung belassen und ergänzt.

Quelle des ursprünglichen Artikels: Heimatbuch des Kreises Viersen 1996, Viersen 1995, S.13-17.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Oberkreisdirektors des Kreises Viersen. Nach schriftlicherAnfrage an den Kulturdezernenten wurde diese Genehmigung am am 16. September 1999 durch den Kreisarchivar erteilt.

Das Heimatbuch können Sie erstehen unter http://shop.kreis-viersen.de


weitere Heimatbuchartikel auf lobberich.de

 "Leute" aus Lobberich

Straßennamen in Lobberich

Artikel der Grenzland-Nachrichten über die Fertigstellung des Findbuches
vom Nachlass Dr. Hanna Meuters im Kreisarchiv vom 23.1.2003


Nachtrag: Der volle Name Dr. Meuters lautete Hanna Alma Josefa Carola


Entwurf (oben) und tatsächliche Gedenkmedaille (rechts)
des Kreises Viersen 1995


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