Die Nette - ein Fluß ohne Quelle


Von Joseph Brecher, Dülken

Während Niers und Schwalm ihren Ursprung mehreren Quellen verdanken, kann die Nette, der dritte Fluß unseres Heimatgebietes, deren Name so manches Mal aus erfreulichem, aber auch häufiger aus unerfreulichem Anlaß genannt wird, sich rühmen, aller Regel zuwider, nicht aus einer natürlichen Bodenquelle gespeist zu werden. Sie verdankt ihren Ursprung dem Niederschlagwasser und den Abwässern, die in der Dülkener Gemarkung anfallen. Zwar pflegte man früher zu sagen ? und man sagt es auch heute noch oft ?, die Nette entspringt bei Dülken, aber dem ist nicht so.

Ein mit den einschlägigen Verhältnissen nicht vertrauter Fremder kann das natürlich nicht wissen. Ja, selbst die Dülkener haben zum Teil noch bis vor 30 Jahren geglaubt, daß die Nette tatsächlich eine Quelle habe und diese in einem auf der nahen Stadtbleiche liegenden Wassertümpel zu finden sei. Zwar bestand auf dieser Bleiche bis zum Jahre 1923 ein etwa 20 qm großer Tümpel, der auch ständig mit spiegelklarem Wasser gefüllt war, aber einen Sprung hat man in ihm nie entdecken können. Zweifelloshandelte es sich bei ihm um ein vor langer Zeit künstlich hergerichtetes Wasserbecken, wie man es auf fast allen Bleichplätzen antrifft; es diente den Bleicherinnen zum Aufwaschen. Gespeist wurde es vom Grundwasser, dessen Spiegel früher in diesem Gelände sehr hoch unter der Oberfläche lag. Es ist nicht ausgeschlossen, daß geringe Mengen des Wassers unterirdisch in den in fünf Meter Entfernung an dem Tümpel vorbeifließenden Bach gelangten. Eine dem Abfluß dienende Rinne, die hätte vorhanden sein müssen, wenn das Wasserregelmäßig und in größeren Mengen zum Bach hin abgeflossen wäre, war nicht zu sehen.

Schon seit dreißig, Jahren besteht der Tümpel nicht mehr. Mit dem allmählichen Absinken des Grundwassers in unserer Gegend ging auch sein Wassergehalt imner mehr zurück, bis er schließlich verschwand. Seitdem der Tümpel trocken war, verkrautete er und verlandete nach und nach so, daß er heute nicht mehr zu erkennen ist. Gerade diese Tatsache ist der überzeugendste Beweis für die Behauptung, daß die Nette keiner natürlichen Quelle ihren Ursprung verdankt.

Die Geländeverhältnisse in der Dülkener Gemarkung geben uns aber auch eine triftige Erklärung dafür, weshalb die Nette ohne Quelle entstehen konnte. Dülken liegt nämlich in einer Delle. Diese ist nach Norden, Osten und Süden hin von Fluren umgeben, die in ihrem Scheitel bis zu 10 m höher liegen als die von der Mosel? und Venloer Straße gebildete Talsohle. Nur nach Westen hin ist dieser Geländeeinschnitt offen, daher muß alles Wasser, das in Dülken anfällt, auch das von jenen Fluren kommende Regenwasser, in westlicher Richtung abfließen. So hat sich denn, offenbar dem Naturgesetz folgend, dieses Wasser in grauer Vorzeit eine Rinne, die heutige Nette, geschaffen.

Bis zum Auftreten der Industrie in Dülken floß der Nette natürlich nur ein ziemlich reines Wasser zu. Soweit Hausabwässer mit ihm vermischt waren, dienten diese als erwünschte Nahrung für die im Bach vorhandenen Lebewesen. So kam es denn auch, daß der Nette in früherer Zeit ein großer Fischreichtum nachgerühmt wurde.

Mit dem allmählichen Auftreten industrieller Ansiedlungen setzte dann, eine Verunreinigung der Abwässer ein. Diese wenn auch zunächst nur geringfügige wurde stärker, als die Industrie nach 1870 einen sprunghaften Auftrieb erlebte; Sie ging allmählich so weit, daß sich die Notwendigkeit ergab, Maßnahmen gegen sie zu ergreifen. Das war der Anlaß zur Herrichtung der heutigen Dülkener Kläranlagen, die infolge der Herstellung des neuen Klärwerkes von seiten des Niersverbandes entbehrlich geworden sind.

Reichte schon immer die Menge des Rein- und Schmutzwassers, das Dülken seinem Vorfluter zuführte, aus, um es diesem zu ermöglichen, schon nach einem Lauf von kaum 3 km einen großen Weiher zu bilden und ein Mühlrad zu treiben, so wird der Wasservorrat auf der 5 km langen Strecke von Dülken bis Boisheim noch verstärkt durch die Hof- und Regenwässer, die ihm 22 Gräben von beiden Seiten her zuführen.

Wir haben allen Grund, hoffen zu dürfen, daß es dem Niersverband, der ja. auch die Zuflüsse der Niers In seine Obhut zu nehmen hat, gelingt, aus der Nette, diesem Fluß ohne Quelle, wieder das zu machen, was sie früher war, ein spiegelklares, fischreiches und mit der Schönheit der niederrheinischen Landschaft harmonierendes Gewässer.


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Der Artikel wurde in alter Rechtschreibung belassen

Quelle: Heimatbuch 1955 des Kreises Kempen-Krefeld, Kempen 1954, S. 98f.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Oberkreisdirektors des Kreises Viersen. Nach schriftlicherAnfrage an den Kulturdezernenten wurde diese Genehmigung am am 16. September 1999 durch den Kreisarchivar erteilt.

Das Heimatbuch ist ausverkauft. Ein Nachdruck der Bände 1950-1959 ist erhältlich  unter http://shop.kreis-viersen.de


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