Geheimrat Karl Niedieck und sein Werk



Reprod. Kreisbildstelle

Zu den großen Männern unserer niederrheinischen Heimat gehört unstreitig Karl Niedieck. Auf dem Gebiete der mechanischen Erzeugung von Samt und Plüsch war er bahnbrechend, indem er als erster in Deutschland einen brauchbaren mechanischen Doppelsamtwebstuhl konstruierte. Am 1. Mai 1955 sind es 100 Jahre, daß er den Grundstein zu seinem Lebenswerk legte. Das soll uns Anlaß sein, Karl Niedieck und sein Werk in einer kurzen Abhandlung zu würdigen.

Wenn wir den Anfängen der Firma Niedieck bzw. ihrer Begründer nachforschen, so führt uns die Spur nach Stromberg i. W., wo die Familie ansässig war. Hier wurde Karl Niedieck am 30. April 1836 geboren. Der frühe Tod des Vaters zwang seine Söhne, sich schon früh auf eigene Füße zu stellen. Karl Niedieck ging nach Frankreich und erhielt seine Ausbildung zum Textilfachmann in einer Lyoner Seidenweberei. Seinen um zwei Jahre älteren Bruder Julius treffen wir 1850 bei der Firma J. L. de Ball in Lobberich, wo er sich die Grundlagen für sein späteres Wissen und Können aneignete.

Bei der Firma J. L. de Ball arbeitete damals als Werkmeister Theodor Mommers, der Mitbegründer der Firma Niedieck, ein alter Fachmann. Dieser machte sich 1855 selbständig und gründete zusammen mit Julius Niedieck ein neues Unternehmen: Mommers, Niedieck & Co. Einige Monate später kam auch Karl Niedieck nach Lobberich und trat in das Geschäft ein. Bis zum Jahre 1863 arbeiteten die Gesellschafter zusammen, dann trat Karl Niedieck aus und gründete mit dein Bankier Heinrich Schölvinck aus Coesfeld i. W. die Firma Niedieck & Schölvinck. 1865 trat auch Mommers aus und fabrizierte unter eigenem Namen weiter. Danach legten die Brüder das alte und das neue Geschäft zusammen und firmierten nun Niedieck, Schölvinck & Co.

Der weiteren Entwicklung des Geschäftes war es förderlich, daß die beiden Brüder nun Hand in Hand arbeiteten und in ihren Fähigkeiten sich gegenseitig glücklich ergänzten. Innerhalb kurzer Zeit nahm der Betrieb eine solche Ausdehnung an, daß er sich den ältesten Textilunternehmungen ebenbürtig an die Seite stellen konnte. Er beschäftigte zeitweilig mehr als 1000 Webstühle in Lobberich und der weiteren Umgebung.

1872 trat Schölvinck aus, und seitdem hat die Firma ihre endgültige Bezeichnung Niedieck & Co.

Weitblick und Wagemut zeigte Karl Niedieck, als er im Frühjahr 1863 an die mechanische Herstellung von festkantigem Doppelsamtband heranging. Er baute zunächst an der unteren Breyeller Straße einen kleinen Websaal für 20 Stühle, für deren Antrieb er eine Lokomobile aufstellte. Hier ist das erste ganz mechanisch hergestellte Samtband in Europa gewebt worden. In dem gleichen Jahre hören wir von dem Baubeginn eines weiteren Websaales für 120 Stühle. Freilich erforderte es unerhörte Mühe und Ausdauer, bis man mit dem Produkt zufrieden war, aber dann erlangte das Niedieck--Samtband Weltruf. Von Grossisten und Händlern, ja selbst von den Putzmacherinnen wurde ausdrücklich Niedieck-Samtband verlangt.

Die Jahre vor und nach dem DeutschFranzösischen Krieg hatten der Handstuhlweberei eine letzte Blütezeit gebracht, wie sie ihresgleichen noch nicht gehabt hatte. Dann kam das Jahr 1876 mit dem denkwürdigen Vertrag, den Karl Niedieck am 23. Novernber mit dem Webermeister Peter Anton Tappeser abschloß. Dieser experimentierte in aller Stille an einem halbmechanischen Samtwebstuhl für Doppelsamt. Als Karl Niedieck davon hörte, verpflichtete er mit obigem Vertrag Tappeser und dessen beide Mitarbeiter für die Fa. Niedieck & Co. Er kauft von ihnen zum Preise von 1500 Thalern oder 4500 Mark einen Webstuhl, den sie vollständig aufstellen und mit dessen Mechanismus sie jeden vertraut machen mußten, der ihnen von der Firma Niedieck dafür benannt wurde. Im Frühjahr 1877 war das Werk geglückt, der erste mechanische Doppelsamtstuhl durchkonstruiert.

Als sich das Geheimnis der Herstellung nicht länger wahren ließ und Niedieck 1877 gleich eine Serie mechanischer Webstühle aufstellte, lief diese Wundermär wie ein Lauffeuer durch die Samtindustrie. Dieses Ereignis, das überall ungeheueres Aufsehen erregte, bewirkte die große Umwälzung, die sich nun allmählich in dem Samtartikel vollzog. Die mit dem neuen Doppelsamtstuhl verbundene Massenproduktion ließ die Erzeugerkosten und damit den Preis für Samt bedeutend absinken. Aus dem Luxusartikel wurde ein vielbegehrter Gebrauchsartikel. Die Firma Niedieck hatte sich einen Vorsprung gesichert, der von den anderen Fabrikanten nicht leicht eingeholt werden konnte. Die nun einsetzende sprunghafte Vergrößerung der Fabrikanlagen wurde noch gefördert, indem Niedieck im Laufe der Jahre einige schwachfundierte Betriebe aufkaufte, die dann in die Firma Niedieck aufgingen. So kam 1879 die Band- und Samtweberei Theod. Mommers, des einstigen Mitbegründers, in den Besitz der Firma Niedieck; es folgte 1885 die erst wenige Jahre bestehende Samtweberei Brassler & Co., dann 1889 die Stoffweberei Fritz Winnertz, Krefeld, wodurch Niedieck., neben der großen Samt- und Bandweberei, auch eine Stoffabteilunq bekam. Diese war mit über 200 Stühlen lange Zeit gut beschäftigt, bis sie nach voraufgegangenen Lohnstreitigkeiten im Frühjahr 1911 stillgelegt wurde; schließlich 1907 die Samt- und Bandfabrik Fr. Beckmann, Breyell. Niedieck führte nur deren Bandfabrik dort weiter. (Heute ist in der ehemals Beckmannschen Fabrik das Walzwerk Christian Rötzel.)

Eine kluge zielsichere Politik war Karl Niedieck stets eigen und stellte die Firma im Weltwettbewerb in die vorderste Reihe. Namentlich die Spezialartikel der Firma Niedieck, der Baumwollsamt mit seinem großen Englandgeschäft, und der stückgefärbte Sealskinplüsch, kurz "Seal" genannt, der bei den Konfektionären in Berlin und Breslau reißenden Absatz hatte, waren Niediecks Stärke. Mehr als ein Jahrzehnt waren diese beiden Artikel Niediecks Domäne. Die Firma war darin, vermöge der eigenen großen Färberei und Ausrüstung, einfach nicht zu schlagen. Um die Jahrhundertwende beschäftigte Niedieck & Co. rund 1500 Arbeiter und Angestellte, dazu noch viele Heimarbeiterinnen für Winden, Schären, Bandaufmachen. Bei der 14täglichen Lohnzahlunq wurden jeweils 40-45000 Mark Löhne ausgezahlt.

Am 1. Mai 1905 feierte Geheimrat Karl Niedieck in voller Rüstigkeit das 50jährige Geschäftsjubiläum. Seinem Bruder, Kommerzienrat Julius Niedieck, war es nicht vergönnt gewesen, diesen Tag zu erleben; er hatte am 27. August 1895 seine Augen für immer geschlossen.

Nach diesem Jubelfest, das ein, Fest der ganzen Gemeinde war, stand Karl Niedieck noch 6 Jahre unermüdlich in der Leitung des großen Unternehmens seinen Mann. Am 22. November 1911 starb er im Alter von 75 Jahren, nach einem Leben voll Arbeit und Erfolg.

In diesem Jahre feiert nun die Firma Niedieck & Co. AG, Lobberich, ihr hundertjähriges Bestehen. Sie hat die schwere Zeit von zwei Weltkriegen und ihre Folgen überstanden und steht gefestigt und gesichert da. Sie wird in diesem Jubiläumsjahr, das einen Rückblick auf die Geschicke des Werkes verlangt, besonders dankbar ihres großen Gründers gedenken, der das Werk 56 Jahre selbst geleitet hat.


Hauptfront der Niedieckschen Fabrik in Lobberich, Bahnstraße


Der Artikel wurde in alter Rechtschreibung belassen

Quelle: Heimatbuch 1955 des Kreises Kempen-Krefeld, Kempen 1954, S. 70-73.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Oberkreisdirektors des Kreises Viersen. Nach schriftlicherAnfrage an den Kulturdezernenten wurde diese Genehmigung am am 16. September 1999 durch den Kreisarchivar erteilt.

Das Heimatbuch ist ausverkauft. Ein Nachdruck der Bände 1950-1959 ist erhältlich  unter http://shop.kreis-viersen.de

weitere Heimatbuchartikel auf lobberich.de


Lesen Sie auch einen Bericht der RP vom 30.10.2012:
"Niediecks dachten um die Ecke"

Siehe auch: Prof. Dr. Peters, Leo: "Geheimrat Niedieck gestorben" in: Der Niederrhein. Schauplatz europäischer Geschichte 210f


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