Ein steinzeitlicher Fund in Lobberich

von Dr. Dr. h. c. Albert Steeger


Im Jahre 1926 wurden in der Gemeinde Lobberich (Kreis Kempen) für den Bau einer Umgehungsstraße größere Strecken eines unfruchtbaren Heidegeländes in der Nähe des Bahnhofes abgetragen. Da ich hier in einem Flugsandgebiet schon früher vorgeschichtliche Scherben gefunden hatte, beobachte ich bei meinen öfteren Besuchen die Abbauarbeiten. Aber es war doch ein glücklicher Zufall, daß ich im August 1926 gerade in dem Augenblick die Stelle aufsuchte, als dort ein hervorragender vorgeschichtlicher Fund angeschnitten wurde. Beim Absuchen des bis zu 60 cm senkrecht abgestochenen Sandbodens entdeckte ich die Schmalseite eines Felsgesteinbeiles, Das Stück lag noch auf ursprünglicher Lagerstätte, die Spatenstiche waren haarscharf daran vorbeigegangen. Ein Klingenmeißel dagegen fand sich bereits achtlos fortgeworfen auf der Böschung gerade über dem Beil. Die Fundumstände - fortschreitender Abbau usw. - erheischten eine sofortige weitere Untersuchung der Fundstelle. Da durch Sondieren mit einem Stock festgestellt wurde, daß weitere Werkzeuge dort lagen, hob ich die Sanddecke schichtenweise von oben her ab, und es kamen weitere fünf Steingeräte zum Vorschein. Als die polierte Streitaxt zum Vorschein kam, meinten die herumstehenden Arbeiter: "Ja, wenn wir die zuerst angetroffen hätten, würden wir sie sicher nicht fortgeworfen haben." Da der oben erwähnte Klingenmeißel aber bereits unbeachtet geblieben war, vermutete ich, daß noch weitere Stücke beim Abfahren des Sandes übersehen worden waren. Ich rechnete mit den Arbeitern genau aus, die wievielte Karre am Morgen gerade von dieser Stelle wegtransportiert worden war, und stellte dann bei dem oben erwähnten Straßenbau fest, wo diese Karre aufgekippt lag. Genau an dieser berechneten Stelle ergab die Untersuchung des Sandes schon bald ein weiteres Steinwerkzeug. Die an den folgenden Tagen fortgesetzte Untersuchung des auf der Straße aufgeschütteten Materials sowie der Umgebung der Fundstelle brachte dann weiter gar nichts mehr, so daß wir wohl mit Sicherheit sagen können, daß der ganze Fund geschlossen geborgen worden ist. Erst nach etwa sieben Tagen fand sich beim weiteren Abbau ungefähr 8 m östlich vom Hauptfund noch ein Kratzer. Im Umkreise von ca. 100 m sammelte ich dann im Laufe der Zeit an Streufunden noch zwei Schaber und zwei Messerchen.

Die sechs auf ursprünglicher Lagerstätte angetroffenen Stücke des geschlossenen Fundes lagen in einer Ebene 40 cm unter der Oberfläche. Über die Fundstelle ist im Kriege der Dampfpflug gegangen, die Fundschicht nur 8-10 cm, unter sich lassend. In der Fundschicht, die aus reinem Flugsand bestand, war sonst nichts zu bemerken; sie erschien gänzlich unberührt. Reste etwaigen Verpackungsmaterials waren nicht festzustellen. In dem umgelagerten Boden über der Fundschicht lagen Holzkohlen und vereinzelt auch vorgeschichtliche Scherben und Feuersteinsplitter. Es ließ sich aber feststellen, daß die Holzkohlen von einem jüngeren Waldbrand herrührten. Die Scherben haben ebenfalls mit dem Fund nichts zu tun, sie verraten La Tène-Charakter. Sie fanden-, sich zudem nicht nur an der Fundstelle sondern in dem ganzen Flugsandgebiet verstreut vor. - Eine feste Siedlung, in der der Fund zurückgelassen wurde, hat an der Fundstelle selbst nicht bestanden; es wäre dann sicher auch! etwas an steinzeitlicher Keramik zurückgeblieben, Trotz dreijähriger Beobachtung des Fundgeländes hat sich bis jetzt auch in der näheren Umgebung kein Anzeichen einer Siedlung ergeben. Allerdings sind große Strecken dieses Sandgebietes schon vor vielen Jahren abgetragen worden, so daß immer die Möglichkeit besteht, daß die Reste der zugehörigen Siedlung achtlos beseitigt worden sind. Die Streufunde sprechen ja auch dafür, daß der jungsteinzeitliche Mensch in der Nähe wohnte. Eine steinzeitliche Werkstatt kann keines falls hier bestanden haben, dafür sind die Absplisse viel zu vereinzelt; es fehlen auch die halbfertigen Fabrikate und das Rohmaterial. Ein Händ1erdepot kommt kaum in Frage, da ein solches vielfach aus gleichartigen Fabrikaten besteht. Ebensowenig scheint mir in dem öden Heidegelände an ein; Votivdepot zu denken zu sein. Vielleicht könnte es ein Grabfund oder eine Art Totenopfer (Vergl. K. Schumacher, Neolithische Depotfunde im westlichen Deutschland. Prähistor. Zeitschrift 1914, Heft 1/2.) sein. Ein großer Hügel hat jedoch an dieser Stelle nicht bestanden, da ich den Fundpunkt aus meiner Jugendzeit her sehr genau kenne. Ein flacher Hügel könnte allerdings vorhanden gewesen und durch den Dampfpflug eingeebnet worden sein. Das Fehlen von Grabgefäßen und die Art verschiedener Geräte sprechen jedoch gegen eine Deutung als Grabfund. Nach der ganzen Zusammensetzung des Fundes ist er am besten als das Versteck eines Siedlers zu deuten, der bei herannahender Gefahr sein wichtigstes Hausinventar hier niederlegte und es dann später nicht wieder aufnehmen konnte, sei es, daß die Kenntnis der Stelle durch Tod oder Verschleppung oder Abwanderung des Besitzers verloren ging oder daß er, die Stelle später durch veränderte Umstände (Baumwuchs, Waldbrand usw.) nicht mehr wiedererkannte. Für eine genaue Datierung des Fundes fehlt leider die zugehörige Keramik, doch lassen die Streitaxt wie auch das Rechteckbeil erkennen, daß der Fund der jüngeren oder gar der jüngsten Steinzeitperiode angehört.


Quelle: Heimatbuch 1950 des Kreises Kempen-Krefeld, Kempen 1949, S. 42ff.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Oberkreisdirektors des Kreises Viersen. Nach schriftlicherAnfrage an den Kulturdezernenten wurde diese Genehmigung am am 16. September 1999 durch den Kreisarchivar erteilt.

Das Heimatbuch ist ausverkauft, eine Zusammenstellung der ersten 10 Bände ist erhältlich  unter http://shop.kreis-viersen.de


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