Zwölftes Kapitel.- Grenzstreitigkeiten Lobberich´s.

Zwischen Leuth einer- und Hinsbeck und Lobberich anderseits wurde wie folgendes Weistum v. J. 1556 genau ausgeführt, die Grenzscheibe durch die Nette gebildet.

"Dese alsulke bespeelinge (Begrenzung) ghet aen op Bloevarts muelen, (Flortsmühle), va dannen aen dat ganze hersel und so voirtaen op den Boirhoff van den huys Kriekenbeck, dair die Nette tuschen beyde loept, welker Boirhoff tot Leuth ther Kerken hoert, nae Kunden ind Kundschappen, welke die van Hensbeck selbst uthgedragen habben. Ind van dann allet beneven die Nette tot Jonker Helwigs muelen (jetzige Leuthermühle) toe. Ind so vort allet beneven die Nette myt alle den holtflege gehoirt oich noch in dat Kerspel van Leuth tot achter Bontenackelshoff, welke die werdige frow van Nyencloster (Abtissin von Neukloster zu Asperden bei Goch) toebehoert, myt alle den weyden achter Bontenackels gelegen, die welke die van Leuth mit Hertoch Karl milder gedacht Consent uthgegeven hebben. Ind also vortaen allet beneven die Nette tot Vogelsanksmuelen (Lüthenmühle) toe, dewelke under (Breyell liegt in) dem fürstendom Julich."

Indem die Nette ihren Lauf  hier und da veränderte, durfte sie an diesen Stellen selbstverständlich nicht mehr als Grenzscheibe gelten; sah man aber dennoch in späterer Zeit das neue Flussbett dafür an, so mussten notwendig dadurch Zwistigkeiten hervorgerufen werden. So gerieten denn auch die Leuther, als sie einige Grundstücke zwischen der alten und der neuen Nette, gegenüber dem Gassenfeld, verkauft und daselbst Torf gestochen hatten, dadurch mit den Lobberichern in Streitigkeit, welche ebenfalls auf jenes Terrain Anspruch machten. Nachdem man hierüber schon eine Zeit lang zu Roermonde Prozeß geführt, wurden der Drost Diedrich von Westrum, der Schultheiß Johann Roggen und die Landschöffen i. J. 1545 von beiden Parteien zu Schiedsrichtern aufgestellt, gemäß deren Ausspruch der von Leuth bereits ausgegebene Boden den Ankäufern verbleiben und der übrige Grund zwischen der alten und neuen Nette zur gemeinsamen Benutzung bleiben sollte. Außerdem wurde festgestellt, daß keine der beiden Gemeinden ohne gegenseitige Einwilligung etwas von jener Liegenschaft zu verkaufen oder darin Torf stechen dürfe und bezüglich des Weidganges und Grasschneidens mit Sichel und Sense die alte Gewohnheit fortbestehen solle. Nunmehr herrschte eine Zeit lang wieder Frieden zwischen Beiden; als aber späterhin der Lauf der alten Nette nicht mehr kennbar war, und jedes Kirchspiel denselben zu seinen Gunsten anwieß, brach der Zwist von Neuem loß. Leuth torfte nun bei der alten Nette an einer Stelle, die nach der Aussage der Lobbericher diesen mitangehörte; hingegen schnitten Letztere an derselben Stelle Gras, und wurden daselbst Sichel, Körbe und Säcke ihnen von den Leuthern mit Gewalt abgenommen. Am 8. Januar 1629 kamen Lobbericher, aus jedem Hause Einer, gewaffnet zur fraglichen Stelle hin, stießen den daselbst ausgegrabenen Torf auseinander, schlugen verschiedene Leuther nebst deren Vieh, und durchstachen einen von den Leuthern neu angelegten Weg unter dem Vorwande, daß ihr Kirchspiel sonst viel von dem Wasser zu leiden habe. Hierauf strengte Leuth zu Roermonde Klage an. In dem nun begonnenen Prozesse bezeugten mehrere alte Eingesessene Lobberichs, daß die alte Nette ihren Lauf gehabt an "Ketelbüters Bend so off nach der Leuther Heide und sich so gedreht um den strittigen Platz und gelaufen off das Dort van Piepers Band nach der Leuthe Seite" Außerdem bekunden sie noch, daß sie von Lobberich in das Leuther Bruch grasen gegangen, "über den Platz durch die alte Nette und daß diese so diep was, daß sie well tho freden waren, daß sie daer durch konnten kommen up den harden Plei, daß sie aber kein Wasser dadurch, noch über den hardeu Plei sahen laufen, hatten aber wohl Wasser darauf stehen staen". Durch Vermittlung des Drosten Huyen-Geleen ließ man wieder vom Prozesse ab und übergab die Angelegenheit am 9. Dezember 1630 sechs Schiedsrichtern zur Entscheidung. Diese setzten nach mehreren Zusammenkünften am 10. Juli 1631 an Stelle der alten Nette eine gerade Grenze fest, nämlich, "van dem lesten Abschlag van Piepers Bende af nach der Leuther Seite tot op den Pael, so an der andern Seite nach Breyell, welken Pael in der Breide langs Mevis Kirchhofs Schlag tot in die neue Nette weist." Um die bereits entstandenen Gerichtskosten und andere Gemeindelasten zu decken, sollten von dem genannten neune Phahl " af viertich Roeden in die Längde afgemeten werden, und all hetgeene, so tüschen die Längde und der neuen Nette liegt" verkauft, und der Erlös zwischen beiden Parteien gleichmäßig verteilt werden. Der Verkauf fand noch im selben Jahre statt. Der Platz, so wurde weiter bestimmt, welcher "tüschen der restirenden Längde tot op Piepers Bende op het üterst nach der Leuther Seite ende tüschen der neuen Nette liegt." soll für beide Kirchspiele als Gemeinde liegen bleiben und hierüber die Vereinbarung vom Jahre 1545 gelte. Endlich setzte man noch fest, daß bezüglich des Weideganges und Grasschneidens im Leuther Bruch es wie bei anderen benachbarten Orten gehalten werden sollte.

Auch über das bei Krickenbeck gelegene, Leuth gehörige, "Poelveen" entstanden zwischen Lobberich und Leuth Streitigkeiten. Lobberich wollte nämlich in demselben "Poelvenn" torfen und auf der angrenzenden Heide Plaggen bauen. Bereits um das Jahr 1550 müssen hierüber Streitigkeiten vorgefallen sein; denn im August des Jahres 1554 erklärten die Schöffen von Viersen, daß vor etwa 4 Jahren die von Leuth und Lobberich wegen dieses Veens vor dem Gericht von Viersen, als einem unparteiischen Gericht, dingpflichtig gewesen seien. Je zwei Schöffen von Grefrath, Hinsbeck und Wankum hätten damals das gerichtliche Zeugnis abgelegt, daß Lobberich zu seiner Prätension nicht berechtigt wäre. Weiteres ist hierüber nicht bekannt. Als später, i. J. 1630, Lobberich das Poelveen in genannter Weise mitbenutzte und hierbei ihm eines Tages Pferde und Karren von den Leuthern arretiert wurden, strengte es gerichtliche Klage an. Zum Beweise der Rechtmäßigkeit seines Anspruches berief es sich auf folgende Urkunde des Herzogs Reinald IV. von Geldern vom 7. März 1409, wonach die Eingesessenen Lobberich´s von Alters her sowohl in der Gemeinde jenseits (westlich) der Nette im "Torfveen", genannt Heronger Veen, gelegen zwischen Venlo und Straelen, als auch in dem bei demselben gelegenen Busche Torf und Heide gewonnen hätten:

"Wy Reynalt van de genaden Gaedts hertoge van Guylick en van Gelre en Grave van Zutphen doyn kondt allen den ghenen, die desen bryff sullen seen off hoeren lesen, also als unse Rydderschap ende gemeynde gemeynlicken ons kyrspels van lobberick by onsen alderen ende vurvaren seliger gedenknisse voir ende by ons nae gebruyckt ende genut hebbcn der geweynden oever die nette mit namen in den torfvenne, dat geheyten yß dat heronger venne, tuschen venloe ende straylen gelegen, myt den Bosche, die dayr by gelegen is tüschen den venne ende der nette, torf ende heydt dayr ynne tho wynnen. So bekennen wy voir ons, onse erve ende nakomlinghen overmitz desen selve bryeff, dat wy onse vurg. Rydderschapp ende gemeynde van lobberick in de vvurg. gemeynden halden willen in sulker mayten, dat sy der gebrunycken sullen, als sy bys her gedayn hebben, thent der tyet thoe, dat sy myt onsen lantrecht dayr uyt gewonnen werden als recht is, uytgescheyden dat dye, die vurg. onse Rydderschap ende gemeynde dayr aff bekroenen, dayr aver selve nyet wysen noch rychten en sullen, sondern alle argelist. Ende bevelen dayromme alle amptluyden aldayr, die nu syn ende hernaemails wessen sullen, dat sy dyn vurg. onse Rydderschap ende gemeynde van onser wegen dayr ynne halden ende der gebruycken laten, gelick vurs. steyt. Ende hebben des tho orkende onsen Siegel van onser rechter vetenheydt ayn desen bryeff dren hanghen Gegeven int jayr ons heeren Duysent vierhondert ende negen, des donnerdachs nae den sonndage als men synget in der hyliger kyrken Reminiscere. Per dominum ducem. Praesentibus de consilio domino Joanne de Wyenhorst, milite, magistro curiae, et Henrico de Druyten, Sennischallo juliacensi, armigero".

Von Lobberich wurde vorgegeben, daß das Leuther Poelvenn das urkundliche erwähnte Torfvenn sei. Wir müssen hierzu Folgendes bemerken: Im Jahre 1539 wurde ausdrücklich bezeugt, daß das Lobbericher Veen im Heronger Veen gelegen sei. In einer Eingabe an den Grafen Adolph von Nassau, Statthalter Gelderlands während der burgundischen Herrschaft, bemerketen die Lobbericher, daß ihr Kirchspiel von Hause aus jenes Veen besessen habe, oder wie es wörtlich heißt, daß ihr Kirchspiel "op het Veen gefundeert" sei. Lobberich führte, seinen Anspruch auf jene Urkunde stützend, über dieses Veen mit Venlo i. J. 1539 einen Prozeß und behielt gemäß dem Endurteil die Berechtigung, dasselbe innerhalb der in den beigebrachten Urkunden bezeichneten Begrenzung gemeinsam mit Venlo zu benutzen, insbesondere für den eigenen Gebrauch Torf darin zu stechen. Indem nun Lobberich i. J. 1630 im Streite mit Leuth ebenfalls auf jene Urkunden sich berief, wurde ihm mit Recht vorgeworfen, daß dies große Bosheit verrate, denn es wisse recht gut, daß das urkundlich erwähnte Veen nicht das Leuther Poelveen sei; letzteres heiße nicht Heronger Poelveen, sondern schlechthonPoelveen; es läge nicht zwischen Straelen und Venlo, sondern zwischen Krickenbeck (Leuth) und Herongen.

Alle Lobbericher, so hieß es weiterhin, welche auf Leuther Gebiet getorft, oder Heide gehauen hätten, seien vom Bruchschütz arretiert, und hiergegen sei niemals Widerspruch erhoben worden. Das große Lobberich habe zu seinen Gunsten nicht einen einheimischen Zeugen vorbringen können; wenn aber einige Eingesessene von Hinsbeck zum Nachteil von Leuth gesprochen hätten, so sei dabei wohl zu berücksichtigen, daß Hinsbeck mit Lobberich an derselben Krankheit leide und ebenfalls nach jener Gerechtsame im Leuther Gebiete Gelüste hege. Ueber den Verlauf diese Prozesses sind wir nicht unterrichtet; jedenfalls aber trug Leuth den Sieg davon.


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