Die Pastoren in der LiteraturVon Hand K. Matussek Aus den Gemeindebriefen Juni 2007 - ? |
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(1 - Juni 2008)
Über viele Jahrhunderte stellte der Klerus die intellektuelle Elite.
Er war der eigentliche Bewahrer der Kultur, nicht nur hinter Klostermauern,
sondern auch als Fürstenerzieher und Hauslehrer. Denn er war, neben
dem Adel, den Medizinern und Juristen der einzige schriftkundige Stand. Die
Aufklärung ist ohne die Pastoren undenkbar. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts
wurde die Vormacht mit Einführung der allgemeinen Schulpflicht gebrochen.
Ab dieser Zeit verstreut sich die soziale Herkunft der Schriftsteller in
alle bürgerlichen Berufe vom Arbeiter über Handwerker und Kaufleute.
Wir kennen in der Literatur zahlreiche bedeutende schreibende Pastoren, wie
Ernst Moritz Arndt, Matthias Claudius, Paul Gerhard, Albrecht Goes, Johann
Gottfried Herder, der gar General-Superintendent in Weimar war, Eduard
Mörike u.v.a. Zahlreiche Spuren als Schriftstellerinnen und Schriftsteller
haben auch Pfarrerskinder hinterlassen. In den nächsten Impulsen werde
ich Ihnen von schreibenden Pastoren erzählen, aber auch von ganz
berühmten Romanfiguren wie z.B. den Pastor Wunderlich in Thomas Manns
"Buddenbrocks" oder den Pastor Lorenzen in Fontanes Roman "Der Stechlin".
(2 - August 2008)
Es gibt leider noch kein Buch über den Pfarrer in der deutschen Literatur,
in dem Thomas Mann ein Ehrenplatz zukommen würde. Es ist schon
großartig, wie er es fertigbringt, den "Verfall einer Familie", also
der "Buddenbrooks", nicht nur durch eine Beschreibung der Hauptpersonen,
sondern auch ganz besonders der ihnen zugeordneten "geistlichen Herren" zu
schildern. Da lesen wir zu Beginn: "
Paladin des
plattdeutsch/französisch sprechenden Johann senior, mit seinem Spitzenjabot
und der Freigeistgesinnung
" Da steht am Anfang Pastor Wunderlich,
der seinem Bruder im Geist bis ins Wortwörtliche hinein gleicht: gepudertes
Haar beide, hier ein "rundes wohlmeinendes", dort ein "behagliches lustiges
Gesicht", und gleich auch bei beiden die humane, akkurate Art, sich zu geben,
und vor allem, zu reden: "Pastor Wunderlich
sprach, den Kopf ein wenig
zu Seite geneigt, ein feines und spaßhaftes Lächeln auf seinem
weißen Gesicht und die freie Hand in zierlichen kleinen Gesten bewegend,
in dem freien und behaglichen Plauderton, den er auch auf der Kanzel innezuhalten
liebte "
und wohlan, so lassen Sie sich denn belieben, meine wackeren
Freunde, ein Glas dieses artigen Tropfens mit mir zu leeren auf die Wohlfahrt
unserer vielgeehrten Wirte in ihrem neuen, so prächtigen Heim."
Wie anders da Nachfolger Kölling, der Gefährte jenes jüngeren Johann, den es nicht kümmert, sich auf der Kanzel gehenzulassen - Kölling, ein "robuster Mann mit dickem Kopf und derber Redeweise, der in St. Marien gegen die Wollüstigen, Fresser und Säufer zu Felde zieht: "Dies war sein Ausdruck, obgleich manche Leute, die sich der Diskretion des jüngst Verstorbenen alten Wunderlich erinnerten, die Köpfe schüttelten." In Köllings Figur verbinden sich geistlicher und weltlicher Machtbereich zu untrennbarer Einheit: Wenn der Konsul seine Tochter Antonie in die Arme des christlich drauflosschwadronierenden Bankrotteurs treibt, so tut Kölling, unter den Himmeln in St. Marien, das seine dazu, indem er eines Sonntags, "mit starken Worten", wie der Autor betont über den Text redete, in dem es hieß, dass das Weib, Vater und Mutter verlassend, dem Manne nachfolgen müsse Ein jugendliches, ein noch kindliches Weib, verkündet er, das noch keine eigene Einsicht besitze und dennoch den liebevollen Ratschlüssen der Eltern sich widersetze, das sei strafbar, das wolle der Herr ausspeien aus seinem Munde und bei dieser Wendung, welche zu denen gehörte, für die Pastor Kölling schwärmte und die er mit Begeisterung vorbrachte traf Tony ein durchdringender Blick aus seinen Augen, der von einer furchtbaren Armbewegung begleitet war."
(3 - Oktober 2008) Theaterspiel und weltlich-dreistes Drama in St. Marien, unmittelbar neben dem Buddenbrook-Haus. Kölling wettert von der Kanzlei herab, der Konsul erhebt seinen Arm ("So! Nicht zu heftig..."), und Tony sitzt "rot und gebückt an ihrem Platz": beschämt vor aller Welt - und das alles wegen eines Filous, der sie "Gans" nennen wird.
Kein Wunder, daß Thomas Mann am Schluß des Kölling und seiner lutherisch-derben Rhetorik geltenden Abschnitts, zu Tony gewendet erklärt: "Und am nächs-ten Sonntage weigerte sie sich aufs bestimmteste, die Kirche zu besuchen."
Wunderlich, Kölling und schließlich Pringsheim: So heißt die Trias der Budden-brook-Begleiter im Roman. Die geistliche Reihe, die mit dem liebenswerten Wunderlich begann, endet mit dem Schauspieler Pringsheim, der die Kunst gefäl-ligen Zelebrierens bis zur Vollendung beherrscht, und das nicht nur im Duktus der Rede, sondern auch in der zwischen "fanatischem Ernst und heller Verklärung" wechselnden Mimik, der im geistlichen Ornat "die kühle Schlagsahne von seiner heißen Schokolade" nippt, um gleich darauf mit verklärtem Gesicht zu parlieren: "In jeder seiner Bewegungen liegt ausgedrückt: Seht, ich kann auch den Priester ablegen und ein ganz harmloses fröhliches Weltkind sein! Er ist ein gewandter und anschmiegsamer Mann." Bewundernswert, mit welcher Meisterschaft Tho-mas Mann seine Lieblings-Objekte, die geistlichen Herrn mit Halskrausen oder schwarzem Rock porträtiert: eine Corona, die im Haus der Konsulin Buddenbrook mit so entschiedener Passion verweilte, weil sie "gottgefälliger Gespräche, einiger nahrhafter Mahlzeiten und klingender Unterstützung zu heiligen Zwecken" gewiß sein durfte, wohlversehen mit den opulenten Gerichten des Hauses, gelegentlich genasführt (so, wenn Tony, die den verhassten Schwarzröcken eins auszuwischen liebte, jene Specksuppe anrichten ließ, die außer den Lübeckern niemand anrühren mochte), oft auch missverstanden von der Köchin Stina zum Beispiel, die auf die Frage eines schwäbischen Geistlichen, Pastor Mathias aus Canstatt: "Liebscht den Herrn", nicht so recht wusste, ob nun der Alte oder der Junge gemeint sei im Hause Buddenbrook.
Pastor Mathias - und dann Tränen-Trieschke natürlich: Tränen-Trieschke aus Berlin, der diesen Beinamen führt, "weil er allsonntäglich einmal inmitten seiner Predigt zu weinen begann" und der sich im Roman nicht entblödet, nach zehntä-gigem Wettessen ausgerechnet Tony einen Brief überreichen zu lassen, von dem es im Roman unüberbietbar formuliert heißt, er sei "aus Bibelextrakten und einer sonderbar anschmiegsamen Zärtlichkeit wirksam gemischt".
Thomas Mann und die protestantische Kirche: Das ergäbe, amüsant und lehrreich zu lesen, eine Blütenlese besonderer Art, angefüllt mit geistlichen Herrn, von denen Pastor Trieschke mit den Pferdekinnbacken und den vielen Kindern in Ber-lin, gewiss der komischste, Oberlehrer Ballerstedt aber, der den jungen Hanno in Religion unterweist, der schillerndste wäre. Ballerstedt, der Prediger hatte werden wollen, dann jedoch "durch seine Neigung zum Stottern wie durch seinen Hang zu weltlichem Wohlleben bestimmt worden war, sich lieber der Pädagogik zuzu-wenden..." Hohn und Spott, wohin man blickt in den Buddenbrooks - Hohn über die grotesken Verwalter einer radikal verweltlichten, in Schuld und Kumpanei verstrickten Kirche; Spott über pietistisch geprägte Vesperstunden bei der Konsulin nach dem Hinscheiden ihres Gemahls ("Todesfälle", bemerkt Thomas Mann, "pflegen eine dem Himmlischen zugewandte Stimmung hervorzubringen"). Iro-nische Preisgabe der sogenannten "Jerusalem-Abende", die jenen Morgenandach-ten folgten, bei denen die Hausgemeinde den durch Thomas Mann in die Ge-schichte der Kirchenlied-Parodien eingegangenen Choral anstimmte: "Ich bin ein rechtes Rabeneaas, / ein wahrer Sündenkrüppel, der seine Sünden in sich fraß / als wie der Rost den Zwippel."
Und dazu die epische Präsentation von großen Essen und Gebeten getragenen Festen: die Taufe und die Weihnachtsabende, bei denen die Chorknaben "Jauchze laut, Jerusalem" singen: eine Karikatur das Ganze? Gewiss nicht. Eher eine mit hoher sprachlicher Kunst vorgetragene Beschreibung. Fontane, der Meister einer von Thomas Mann zeitlebens erstrebten Einheit von Psychologie und Kritik, winkt von fernher herüber und applaudiert ... und wir applaudieren ihm auch, dem Meister aus Lübeck und ein wenig lässlichen Christen, der gleichwohl seinen Glauben nicht lassen mochte - am allerwenigsten zur Festtagszeit.
(4- Februar 2009) Wie dem Adel, so kommt auch der Geistlichkeit - beide pflegte Theodor Fontane (1819-1898) nicht selten in einem Atemzug zu nennen - in seinem Werk eine besondere Rolle zu. Ihr begegnete er in den Kreisen, in denen er verkehrte, vor allem aber in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Wie unter-schiedlich auch immer die Pfarrergestalten sein mochten, bei denen er vorsprach, und wie gegensätzlich sein Urteil über sie gelegentlich ausfallen mochte - alles in allem überwog doch seine Sympathie und Wertschätzung für die geistlichen Hir-ten in ihren oft idyllisch anmutenden stillen Pfarrhäusern. Gewiß führte ihm auch bisweilen der Zorn die Feder, der ihm von "Pastoren-Unverschämtheit" und "selbstischen Brutalitäten dieser unseligen Menschenklasse" sprechen ließ (an seine Frau am 17.7.1888) und von der "Schlechtigkeit" der "schweifwedelnden Pfaffen (die immer an der Spitze sind)".
Seine Kritik richtet sich gegen die Intoleranz und Unbeweglichkeit der preußisch-protestantischem Orthodoxie und deren allzu große Staatsnähe im Bündnis von Thron und Altar, die sich allen neuzeitlichen Veränderungen entgegenstellte und die Nation heiligspreche. Dabei vergaß er nicht, daß die Landpastoren durch das Kirchenpatronat der Gutsherren in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis zu diesen standen. Dennoch wußte Fontane die Pfarrhäuser, vor allem in ihrer geis-tig-kulturellen Bedeutung, den Herrenhäusern weit überlegen und hob ihre Funktion als Ort der Musen und Kultur in der Kargheit und Armut der Mark Branden-burg hervor. Dabei zeigte er sich mit eingebunden in die idealisierende Sichtweise des Pfarrhauses als idyllischer Ort einer auch von Goethe beeinflußten literari-schen Tradition. Von Einzelfällen abgesehen habe es "Unduldsamkeit" unter seinen "Geliebtesten", den "Landpfarrern", nicht gegeben, wie er in seinem Schlußwort zu Spreeland formulierte. Niemals vergaß Fontane den Landgeistli-chen, daß ihm "aus ihren Reihen" für seine Wanderungen seine "recht eigentli-chen Mitarbeiter erwuchsen".
Auch in seinen Romanen treten Pfarrer häufig als handelnde Personen auf, und zwar in sehr unterschiedlicher Beleuchtung, mögen sie Gigas (Grete Minde), Sörgel (Ellernklipp), Seidentopf (Vor dem Sturm), Eccelius (Unterm Birnbaum), Siebenhaar (Quitt), Dörfel (Cécile) oder Schwarzkoppen (Unwiederbringlich) heißen. So finden sich neben schlichten und glaubensstarken Dienern am Wort kar-rierebewußte, aber auch durchschnittliche und selbstbezogene Amtsinhaber orthodoxer und liberaler Prägung.
Weit entfernt von aller Orthodoxie bewährt sich in Effi Briest der alte Niemeyer, dem das Menschlich-Christliche näher steht als das Kirchlich-Überlieferte und das "Zeug" habe, "an den Dom berufen zu werden". "Nur ganz wenigen ist es gegeben, einem den Himmel aufzuschließen", bilanzierte der vierundsiebzigjährige Theodor Fontane.
Unter allen den Pastoren im Werk Theodor Fontanes kommt dem sozialreformerisch gesinnten Pastor Lorenzen im Alterswerk Der Stechlin ein besonderer Stellenwert zu. Er vertritt einen christlichen Sozialismus, unternimmt "Ritte ins Bebelsche", wie Dubslav von Stechlin sagt, und unterscheidet sich dadurch von der Glaubensstarre seiner Amtsbrüder, besonders vom gesellschaftlich gewandten, systembejahenden Superintendenten Koseleger. Damit ist Lorenzen das Sprachrohr Fontanes.
Diesen großen Roman, welcher eins meiner Lieblingsbücher ist, bezeichnet der Schriftsteller Peter Härtling als "Das Buch meines Lebens". Er wünscht sich als Nachruf den Satz, mit dem der Pastor die Grabrede für Dubslav von Stechlin schließt: "Er war das Beste, was wir sein können, ein Mann und ein Kind".
(5 - April 2009) Einer der bedeutendsten schriftstellernden Pfarrer in der deutschen Literatur nach dem 2. Weltkrieg war Albrecht Goes. Er lebte von 1908 bis 2000. Sohn eines evangelischen Pfarrers, stammte er aus einer alten schwäbischen Pfarrersfamilie. Er studierte Theologie am Tübinger Stift und war von 1930 bis 1952 an verschiedenen Orten in Württemberg als Pfarrer tätig. Während des 2. Weltkriegs war er als Militärgeistlicher an der Ostfront. 1953 wurde er zugunsten seiner Schriftstellertätigkeit vom Amt beurlaubt und nur mit einem Predigtauftrag in Stuttgart betraut.
Goes, dessen Werk von einem christlichen Humanismus bestimmt ist, beschäftigte sich mit der Problematik der Schuld und der Verantwortung des Einzelnen während des Nationalsozialismus. International bekannt wurde er mit seiner Erzählung "Unruhige Nacht" (1950, verfilmt und in 19 Sprachen übersetzt). Er berichtet über eine Nacht im Kriegsjahr 1942, die er als Soldatenpfarrer in einem Militärgefängnis verbringt. Es gilt, einem zum Tode Verurteilten beizustehen, der noch nichts vom Leben gehabt hat außer einer freudlosen Jugend, außer dem Hitlerkrieg und der rasch aufblühenden Liebe zu einer Ukrainerin, die ihm zum Unheil wurde. Die Maschinerie der Feldgerichtsbarkeit arbeitet exakt. Nun hat der Pfarrer den Auftrag, den Jungen auf den Tod vorzubereiten, einen Tod, der 1942 in Russland billig war - gab es doch Todgeweihte genug in jenem Spätherbst von Stalingrad - warum also so viele Gedanken wegen eines ungehorsamen Soldaten? Aber hier beginnt nun das Amt des Seelsorgers, das Trostamt gläubiger Liebe, die sich nicht nur dem aufgegebenen jungen Soldaten zuwendet, sondern ebenso auch den anderen, den Kameraden, den Vorgesetzten, den Richtern, die in dieser unruhigen Nacht den Weg des Pfarrers kreuzen. Ein junger Mensch wurde dem Pfarrer anvertraut, den er am darauffolgenden Morgen zur Erschießung begleiten muss.
Albrecht Goes war ein von Thomas Mann sehr geschätzter Briefpartner in der Zeit von 1947 bis 1955. Am 24. Januar 1950 schreibt Thomas Mann: "Lieber Herr Pfarrer, aufrichtigen und respektvollen Dank für Ihre ergreifende Erzählung. Ich las sie gestern in einem Zuge und habe alles mit Ihnen erlebt. Wie wohltuend, gerade heute, ist das Gute, Rechte und Tüchtige! Und merkwürdig, es ist, direkt oder indirekt, immer etwas Protest darin: nämlich gegen das Schlechte und Falsche."
(6 - August 2009) Eduard Mörike, der bedeutendste deutsche Lyriker zwischen Romantik und Rea-lismus und Haupvertreter des schwäbischen Biedermeier, war Pfarrer in Würt-temberg. 1804 in Ludwigsburg geboren, besuchte er ab 1818 das Theologische Seminar in Urach. Danach ist er Student am Tübinger Stift, welches eine große Rolle in der deutschen Geistesgeschichte über 200 Jahre spielte. Hier studierten unter anderem Hölderlin, Schelling und Hegel. 1826 wurde Mörike Vikar in Nür-tingen und anderen Orten. 1827/28 ließ er sich aus gesundheitlichen Gründen beurlauben, wohl aber vordergründig, um literarisch tätig sein zu können. Der Versuch, als freier Schriftsteller in Stuttgart zu leben, scheiterte. 1829 wurde er Pfarrverweser in Pflummern und Plattenhardt und war bis 1834 als Vikar in ver-schiedenen Gemeinden tätig. (Owen, Ochsenwang, Weilheim u.a.)
Von 1834 bis 1843 war Mörike Pfarrer in Cleversulzbach bei Weinsheim. Mit im Pfarrhaus wohnten seine Mutter und seine Schwester Clara. Im April 1841 starb die Mutter an einer Brustfellentzündung. Sie liegt neben der Mutter Schillers auf dem Obersulzbacher Kirchhof begraben.
1843 bittet Mörike König Wilhelm I. von Württemberg um die vorzeitige Entlas-sung aus dem Amt. Dies wird wenige Wochen später "wegen andauernder Krankheitumstände" genehmigt. Eduard Mörike ist 39 Jahre alt und zieht mit Clara nach Wermutshausen. Prinzessin Maria von Württemberg liebte Mörikes Gedichte sehr und er erhielt mehrmals Ehrengaben (jeweils 100 Gulden) von ihr.
1851 heiratet er die Katholikin Margarethe Speeth, ohne die Hausgemeinschaft mit Clara aufzugeben. Er siedelt nach Stuttgart über, wo er als Lehrer für Literatur am Katharinenstift tätig war (bis 1866).
Er war Mitarbeiter für mehrere Zeitschriften, zeitweise auch Lektor des Cotta Verlags.
1852 erhielt Mörike den Dr. phil. h.c. der Universität Tübingen und 1856 den Titel eines Professors. 1862 beruft ihn der König von Bayern in das Kollegium des Maximilianordens für Kunst und Wissenschaft.
Ab 1871 wohnt die Familie (1855 wurde die Tochter Fanny geboren) in Stuttgart. Die Ehe steckt in einer Krise. Nach langen Geduldsproben scheitert sie.
Im Herbst 1873 trennt man sich (ohne Scheidung). Erst kurz vor seinem Tode im Frühjahr 1875 sehen sie sich wieder.
Mörikes produktivste Zeit als Lyriker war um 1828. Mit Mitte zwanzig. Die Ge-dichte dieser Zeit, auch wenn wir nichts anderes hätten von ihm, machen ihn zu einem der größten deutschen Dichter. Eine dem Jugendwerk ebenbürtige Altersly-rik, wie bei Goethe, hat es bei ihm nicht gegeben. Als Erzähler ist er am ausge-wogensten in der geschlossenen Novelle, so besonders in der meisterhaften Künstlernovelle "Mozart auf der Reise nach Prag" und im großen, von Goethes "Wilhelm Meister" beeinflußten romantisch-realistischen Künstlerroman "Maler Nolten".
(7 - Februar2010) Der erfolgreichste "dichtende" Pastor in der deutschen Literatur an der Wende des 19. zum 20.Jahrhundert war zweifellos Gustav Frenssen. Der Sohn eines Tischlers wurde 1863 in Barlt/Dithmarschen geboren, wo er auch 1945 starb.
Gustav Frenssen studierte Theologie in Tübingen, Berlin und Kiel und wirkte ab 1892 als Pastor in Hemme. Aus dieser Tätigkeit gingen die populären volkspädagogischen "Dorfpredigten" hervor.
Gustav Frenssen gehörte zu den erfolgsreichsten deutschen Schriftstellern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit einer Gesamtauflage von nahezu 4 Millionen (über 40 Romane und Erzählungen).
Zum absoluten Bestsellerautor, dem ersten des 20.Jahrh. wurde er durch seinen dritten Roman "Jörn Uhl". Ein Roman um einen jungen norddeutschen Bauern im Kampf um seine Unabhängigkeit.
Als literarische Vorbilder nannte Frenssen u. a. Storm, Keller, Fontane, Raabe und Hamsun. 1903 erhielt Gustav Frenssen die Ehrendoktorwürde der Universität Heidelberg, 1933 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie für Dichtkunst, 1938 bekam er die Goethemedaile.
Der Roman "Jörn Uhl" erschien 1901 bei der Grote´schen Verlagsbuchhandlung. Im gleichen Jahr erschien im S. Fischer Verlag der Roman "Buddenbrooks" von Thomas Mann. Waren von "Buddenbrooks", in prachtvollen zwei Bänden für 14 Goldmark nach zwei Jahren keine 1000 Exemplare verkauft, so waren von "Jörn Uhl", ähnlich dick, aber in einem Band, für 4 Mark an die 100 000 verkauft!
Der Verleger S. Fischer kopierte 1903 die zweite Auflage (das zweite 1000) im Einband wie das Erfolgsbuch von Gustav Frenssen. Er druckte die Neuauflage jetzt in einem Band, auf dünnerem Papier, für 6 Mark. Der Erfolg stellte sich sofort ein, die Auflagen begannen einander zu jagen. 1929 wurde der Roman mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.
Ist Thomas Manns Roman "Buddenbrooks" immer noch sehr lebendig, so ist der Landpfarrer Gustav Frenssen und sein "Jörn Uhl" schon lange vergessen.
(8 - April 2010)
Ina Seidel, geb. 1885, gest. 1974, weist unter ihren Vorfahren mütterlicherseits sieben, väterlicherseits zwei Pfarrer auf, darunter den Großvater Heinrich Alexander Seidel, einen christlich - deutschen Volkserzähler um 1860. Er bildet den Übergang zu den erstaunlich zahlreichen Schriftstellern seiner Nachkommenschaft - vom Onkel und vom Bruder bis zum Gatten und zum Sohn der Schriftstellerin:
Das Pfarrhaus als Urzelle des Geistes. "Lennacker", das Buch der Heimkehr. Der berühmte, in vielen Auflagen verbreitete Roman von Ina Seidel, ist das Buch vom Pfarrhaus schlechthin geworden - die Geschichte einer Pfarrerfamilie durch zwölf Generationen, von Luther bis heute, erschienen 1938. Der Roman ist ein deutliches Bekenntnis zum christlich - humanistischen Weltbild.
Am Weihnachtsabend des Jahres 1918 trifft Hans Lennacker, verabschiedeter Oberleutnant der Infanterie, nunmehr Student der Medizin, zu Besuch bei seiner einzigen noch lebenden Verwandten ein, der Oberin eines Damenstifts für unverheiratet gebliebene Pfarrerstöchter. Er erlebt mit Beklommenheit diese abseitige, enge Welt, beeindruckt von der Frömmigkeit, die eine stille Kraft ausströmt. Der Gottesdienst, an dem er unmittelbar nach seiner Ankunft teilnimmt, vor allem aber die eindringliche Predigt, hinterlassen einen tiefen Eindruck in ihm.
Zum ersten Mal hört er durch seine Tante von seinen Vorfahren, die alle, seit den Tagen der Reformation Pfarrer gewesen waren. Dann packt ihn noch am gleichen Abend ein schweres Fieber und er liegt tagelang im Bett.
In seinen Fieberträumen der zwölf Nächte erlebt er die Geschichte seiner Vorfahren mit höchster Eindringlichkeit. Er erlebt den Pfarrer der Reformationszeit, dem die Schrecken des Bauerkrieges seinen besonderen Weg weisen, den des Dreißigjährigen Krieges, der als guter Hirte bei seiner Gemeinde ausharrt bis zum Tode. In der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts tritt der Hofprediger Lennacker mutig gegen den Hexenwahn auf. Orthodoxie und Pietismus bekämpfen einander in der Zeit der Aufklärung und der Professor der Theologie, Lennacker, hat sich damit auseinanderzusetzen. Idyllisch ist dagegen die Welt seines Enkels, eines Dorfpfarrers mit vielen Kindern und einer prächtigen Frau. Es folgt die Zeit der Freiheitskriege.
Die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bringt innere Konflikte:
Das lebendige Christentum kämpft mit dem erstarrten.
In jeder Traumepisode hat ein Lennacker sich als Seelsorger und Sachwalter des Evangeliums zu bewähren.
Als Hans Lennacker nach Tagen der Bewußtlosigkeit erwacht, beginnt für ihn ein neues Leben.
Er verläßt das Stift im vollen Bewußtsein seiner Verantwortung als letzter Lennacker, aber auch mit dem zuversichtlichen Vertrauen in seine eigene Zukunft, das ihm aus der unverhofften Erfahrung der Glaubentradition seiner Familie erwachsen ist.
(09 - Juni 2010)
Ein Pfarrer von besonderer Bedeutung ist Johann Friedrich Oberlin. Er lebte von 1740 - 1826 und übte als Pfarrer von Waldersbach in den Vogesen eine segensreiche Tätigkeit aus. Oberlin nimmt den psychisch-kranken Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz (1751 - 1792), ein Freund Goethes in dessen Straßburger Zeit, in sein Haus auf.
Über diesen Pfarrer wissen wir dank des jungen genialen Dichters Georg Büchner, der nur 23 Jahre alt wurde (1813 - 1837).
Der hessische Arztsohn Georg Büchner nahm als Student der Naturwissenschaften und Medizin in Gießen an den politischen Unruhen teil. Er verfaßte die Kampfschrift "Der hessische Landbote" und mußte 1835 nach Straßburg fliehen. Dort schrieb er seine Doktorarbeit und las ein Semester an der Universität Zürich. In seiner beeindruckenden Erzählung "Lenz" schildert Georg Büchner wie der Pfarrer Oberlin den kranken Dichter Lenz aufgenommen und gepflegt hatte. Oberlin sah es als einen Auftrag Gottes an, der ihm den Unglücklichen geschickt hätte. Er liebte ihn sehr.
"Auch war es allen notwendig, dass er da war, er gehörte zu ihnen, als wäre er schon längst da, und Niemand frug, woher er gekommen und wohin er gehen werde."
Lenz unterstützte den Pfarrer bei seiner Arbeit, half ihm bei den Predigten und predigte auch selbst. Sein Zustand wird jedoch immer trostloser. Er bekommt schreckliche Anfälle, fühlt sich überall bedroht und von Stimmen "umschrieen".
Es war eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen, das Dasein war ihm eine "notwendige Last", alles, was er an Ruhe aus der Nähe Oberlins geschöpft hatte, war weg.
Lenz verbringt danach das Jahr 1778 in Emmendingen bei Goethes Schwager Schlosser, von wo ihn dann sein Bruder zu den Eltern nach Riga heimholt.
Nachdem es dem armen Dichter wesentlich besser ging, machte er eine Reise nach Petersburg und Moskau. In Moskau wird er auf einer Straße tot aufgefunden.
10 - September 2010
In der Folge 2 und 3 erzählte ich Ihnen von Thomas Manns Lieblingsobjekten, den geistlichen Herren, den Begleitern der Familie Buddenbrook; von den Pastoren Wunderlich, Kölling und Pringsheim. Zu Pastor Pringsheim möchte ich noch etwas nachtragen.
Wir begegnen dem Hauptpastor an der Marienkirche, Andreas Pringsheim, zu Beginn des 7. Teils, der Taufe des kleinen Hanno.
" ... Es ist ..., der nach des alten Kölling plötzlichem Tode in jungen Jahren schon zum Hauptpastor aufgerückt ist.
Er hält die Hände inbrünstig dicht über dem erhobenen Kinn gefaltet. Er hat blondes, kurz gelocktes Haar und ein knochiges, glattrasiertes Gesicht, dessen Mimik zwischen fanatischem Ernst und heller Verklärung wechselt und ein wenig theatralisch erscheint. Er stammt aus Franken, woselbst er während einiger Jahre inmitten von lauter Katholiken eine kleine lutherische Gemeinde gehütet hat. Sein Dialekt ist unter dem Streben nach reiner und pathetischer Aussprache zu einer völlig eigenartigen Redeweise, mit langen und dunklen oder jäh accentuierten Vokalen und einem rollenden r geworden.
Er lobt Gott mit leiser, schwellender oder starker Stimme, und die Familie hört ihm zu...
Und nun sprengt, während die Amme die Haube des Kindes lüftet, der Pastor vorsichtig zwei oder drei Tropfen aus der silbernen, innen vergoldeten Schale, die vor ihm steht, auf das spärliche Haar des kleinen Buddenbrook und nennt langsam und nachdrücklich die Namen auf die er ihn tauft: Justus, Johann, Kaspar."
Ein weiteres Mal erleben wir ihn im 8. Kapitel des 10. Teils, beim Tode des Senators.
" Er erschien in halbem Ornat, ohne Halskrause aber in langem Talar, streifte Schwester Leandra mit kaltem Blick und ließ sich am Bette auf dem Stuhl nieder, den man ihm zuschob. Er bat den Kranken, ihn zu erkennen und ihm ein wenig Gehör zu schenken; da dieser Versuch aber fruchtlos blieb, so wandte er sich direkt an Gott, redete ihn in stilisiertem Fränkisch an und sprach zu ihm mit modulierender Stimme in bald dunklen, bald jäh accentuierten Lauten, indes finsterer Fanatismus und milde Verklärung auf seinem Gesichte wechselten... Er sagte, dass er und die hier Anwesenden nicht mehr um das Leben dieses Lieben und Teuren bäten, denn sie sähen, dass es des Herrn heiliger Wille sei, ihn zu sich zu nehmen... "
Pastor Pringsheim begleitet jedenfalls den Verfall der Familie Buddenbrook bis zur Aussegnung des kleinen Hanno, der am Ende des Romans an Typhus stirbt. Er wurde nur 15 Jahre alt
Wie Thomas Mann auf den Namen dieser Figur verfiel, der so sehr an den späteren Schwiegervater Alfred Pringsheim erinnert, wissen wir nicht.
Fortsetzung folgt
Hans K. Matussek
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