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Donnerstag, 06. Januar 2005

(ergänzt durch Fotos aus dem Archiv Lobberland)


1930: Es war still geworden


Lobberich zwischen 1930 und 1960 / Arbeitslosigkeit und Armut bestimmten das Leben

Von Günter Nonninger

Weihnachten 1930. Es war still geworden in der sonst so emsigen und lebensfrohen Gemeinde Lobberich. Aber auch in den Gemeinden der nahen Umgebung waren Sorgen und Bedrückung eingezogen. Die stolze Samt- und Seidenindustrie von Weltruf war untergegangen. Als unmittelbare Folge des Krieges 1914/18 und des Friedensvertrags von Versailles waren Firmen-und Privatvermögen entwertet. Aber auch Pensionen und Renten waren weg.

Die großen Fabriken und Webereien an der unteren Breyeller Straße lagen still, ebenso das Verwaltungsgebäude der Firma Niedieck. Auch in der große Bandfabrik an der Süchtelner Straße war schon lange nicht mehr gearbeitet worden. Ihre Klärbecken, die "Vierwasser" mit Molchen und Salamandern, waren für die Kinder der angrenzenden Straßen ein wahres Paradies zum Spielen und so manche Schlacht wurde um die alte Fabrik geschlagen. Auch in den großen Gebäuden an der Bahnstraße herrschte Totenstille. Nur wenige Arbeitsplätze bei de Ball, Crey & Clewe und Birgelen existierten noch.

Unser Gebiet galt als rote Zone

Für niemanden gab es eine Möglichkeit Arbeit zu finden. Manche wanderten nach Argentinien aus. So auch unsere Nachbarn vom Markt, Hedwig und Josef Abels, Jupp Todam und zwei jüdische Familien von der Süchtelner Straße. Außer Textil-, Samt- und Seidenindustrie sowie der Herstellung von Dachziegeln und Zigarren hatten der Preußische und Reichsgeneralstab jede Ansiedlung von Industrien seit 120 Jahren untersagt. Unser Gebiet galt als rote Zone, in der mit Kampfhandlung und Evakuierungen gerechnet werden musste.

1931 kam die zweite Senkung des Arbeitslosengeldes, der Renten und der Löhne. Die Verarmung und Not in der Bevölkerung nahm unaufhaltsam zu. Linke und rechte Parteien zogen mit Sprechchören skandierend durch die Straßen, allen voran mit Schalmeien die aggressive DKP mit ihren Trupps aus Dülken, Viersen und Mönchengladbach: "Eigentum ist Diebstahl" und "Alle Macht den Proletariern". Es folgten die Nazis und SA. Zackig im Gleichschritt brüllten sie: "Heil Hitler!" und "Rache für Versailles." Ausgehungerte NS- und SA-Führer kamen an den Wochenenden aus der Großstadt zu einem Bauerhof im Bocholt, um sich satt zu essen. Bei einem örtlichen Metzger und Gastwirt hing seit 1929 die Hakenkreuzfahne.

Seerosen oder Aal, Hecht und Breesen

Wir Kinder, damals acht und neun Jahre alt, klemmten uns bei den Aufmärschen am Markt zwischen die Gitter der Sparkasse und bekamen alles aus nächster Nähe mit. In dieser Zeit kamen die Fischer der Netteseen an den Haustüren vorbei und verkauften preiswert den Fang: Aal, Hecht, Breesen. Auf den Seen pflückten sie im Sommer große Mengen an Seerosen, die in Körben täglich für Kranzblumen in die Städte gingen. (=> mehr: GN vom 17.7.1959)

1932 brachen erneut einige Großbanken zusammen. Viel Erspartes ging nochmals verloren. Die Devisenreserven des Deutschen Reiches waren nahezu aufgebraucht. Der Handel mit Venlo erlosch in kurzer Zeit. Der Schmuggel blühte, wurde aber streng verfolgt und geahndet. So wurde ein 16-jähriges Mädchen aus dem Sassenfeld wegen 500 Gramm Kaffee erschossen. Mittelstand, Handel und Handwerker mussten ihre Mitarbeiter entlassen. Auch die Landwirtschaft lag am Boden.

In allem Elend keimte mit der Firma Robert Kahrmann ein Hoffnungsschimmer. Herr Kahrmann hatte seine Herstellung von Armaturen aus Venlo in die Remise am Ingenhovenpark der Firma Niedieck verlegt. Er begann zunächst mit wenigen Arbeitern, die ihm aus Venlo gefolgt waren. Überdies hatte er das so genannte Schlösschen von einem der Niedieck-Brüder erworben. Eine typische Fabrikantenvilla im neogotischen Stil, heute unter dem Namen Haus Erlenbruch bekannt.

Fremdenverkehr für den Nahbereich

Aber die Lobbericher Bürgerschaft ließ sich nicht unterkriegen und man begann mit der Entwicklung eines leistungsfähigen Fremdenverkehrs für den Nahbereich. Der Arbeitsdienst entwässerte Feuchtgebiete, legte wunderschöne Wanderwege rund um die Seen mit Sitz- und Aussichtsgruppen an. Auch der Weiher im Ingenhovenpark wurde entschlammt. Aus der noch stehenden Färberei wurde eine Konzerthalle mit guter Akustik. Das Gelände zwischen dem heutigen Windmühlenbruch und Breyeller Straße wurde zu einem gepflegten Park hergerichtet, den man Adolf-Hitler-Park nannte. Die Restaurants an den Seen blühten auf und vorzüglich sortierte Speisekarten mit Fischgerichten waren selbstverständlich.


Repro: Archiv Lobberland

Am Breyeller See, heute Nettebruch, besuchte jeder gerne das Strandrestaurant Ludwigs am See mit Kahnverleih und Badestätte, seinen Tanztees, Konzerten zum Mittagessen und Tänzveranstaltungen an den Wochenenden. Es war der Treffpunkt der jungen Welt mit ihrem Motto: "Deutsch das Lied und deutsch der Wein, das Mädel kann nur aus Breyell sein". Oder der Kavalier fragte: "Fräulein, sitt ör van hiesig oder van jön Sieh van et Water"?

In meiner frühesten Jugend trennte eine etwa zehn Meter ins Wasser reichende Bretterwand die Badestätte in eine "Damen- und Herrenanstalt" 1932 kam der Zwickelerlass der kurze Badehosen für Jungen und Männer erlaubte. Selbst in der Kirche wurde von der Kanzel gegen die unzüchtigen Kleidungsstücke gepredigt. Am Ende der Bretterwand im Wasser hatte Opa Ludwigs seinen Platz und wachte über die strikte Einhaltung der Baderegeln Schon beim Versuch eines Mannes, in die Nähe der Damenanstalt zukommen, ertonte seine Stimmte: "He Sie! Bös doo noch nit wech, do Färke!" Die Mitte des Sees zierte ein Sprungturm mit gefedertem Drei-Meter-Brett.


Repro: Archiv Lobberland

Und für uns Kinder galt, wehe man konnte nicht nach einem gelungenen Startsprung die Strecke bis zum Turm in einem Zug kraulen oder schnell schwimmen um einen eleganten Kopfsprung vorzuführen. Wenn nicht, dat is er kinne.

Keine Schlangen vor dem Arbeitsamt mehr

Im Januar 1933 kam Hitler an die Macht und versprach Arbeit und Brot. Eben alles was der Bevölkerung im gesamten Reichsgebiet fehlte Seine Kampftruppen und manche die bis dahin DKP-Uniform trugen, zeigten sich nun in SA-Uniformen. Man sperrte die Kommunisten in die Gefängniszellen (noch erhalten unter dem alten Rathaus) wo sie von ihren Familien versorgt wurden. Tatsächlich minderte sich schnell die Zahl der Arbeitslosen, die Schlangen vor dem Arbeitsamt verschwanden. Die neue Arbeit wurde mit so genannten MEFO-Wechseln von der Reichsbank finanziert.


1935: Das erste Geld kam ins Land

Jeden Morgen fuhren Hunderte mit der Bahn zur Arbeit. In Lobberich wurden die leer stehenden Fabriken größtenteils abgerissen. Die Gemeinde erwarb den Niedieck'schen Park'mit dem Kastell Ingenhoven" für 40.000 Reichsmark. Das Kastell wurde zur Burg Ingenhoven germanisiert, der Park für die Öffentlichkeit hergerichtet. Langsam liefen die übrig gebliebenen Firmen wieder an. Aber die erhoffte wirtschaftliche Erholung trat nicht ein.

"Wör habe bald kinn Bier mihr"

In den Jahren 1935/36 machte sich die Arbeit für den Fremdenverkehr bemerkbar. Die ersten Sonderzüge der Kraft durch Freude-Organisation (KDF) rollten in Lobberich ein. Sie brachten Urlauber oder Tagesreisende. Der Mittelstand und die Wirte der Ausflugsgaststätten konnten aufatmen. Nach langen bitteren Jahren des Ausharrens kam das erste Geld ins Land. Nie habe ich die Worte der Wirtin Schmitter vom deWitt-See zu ihrem Mann vergessen: "Max, kannst du dich dat vürstelle, um 11 Uhr Sonndichs morge all fiefhongert Mark ingenomme zu habe. Wor habe kinn en Zigarett oder Zigar mir. Junter, koos do nach Troekes flott mitt et Rad. Eckstein, Rarität und R4 hole. Max, rop die Brauerein an, wör habe bald kinn Bier mihr." Im Olympiajahr 1936 allerorts Jubel, wir waren wieder ein stolzes Land. Auch die Auswanderer, unsere Nachbarn, hatten sich in der Fremde erfolgreich heraufgearbeitet und kamen jetzt mit Luxuslinern zu Besuch.

Inzwischen war der Lobbericher Max Haas, seit frühesten Kinderjahren "Onkel Max" genannt, Privatdozent an der TH Aachen und gleichzeitig Leiter der Aluminiumzentrale Berlin. Mit seiner Heimatstadt Lobberich, in der seine Mutter lebte, war er eng verbunden.. In seinem Haus in Berlin trafen sich all jene Lobbericher, Breyeller und Hinsbecker, die es dorthin verschlagen hatte. Es ist überliefert, dass bei den Treffen nur Platt gesprochen werden durfte. Ein falsches Wort kostete eine Runde. Auch Prof. Werner Jaeger gehörte zum Freundeskreis von Prof. Dr. Haas und besuchte regelmäßig die Zusammenkünfte. Er war der absolute Meister unserer Heimatsprache.

Das Jubeljahr 1936 verging, jedoch nicht ohne eine von uns damals nicht bemerkte Veränderung. Um Weihnachten 1936 zog eine merkwürdige Gruppe in das Weinzimmer des Hotels Kessels-Dammer ein. Das 111. Batalion Grenzregiment 26, für das die Offiziere des ersten Weltkriegs verpflichtet wurden, wurde aufgestellt. 1937 ging es fast allen Bürgern besser. Die beliebte Karnevalsgesellschaft Heideröschen mit ihren unvergesslichen Sitzungsabenden traf die Vorbereitung zur großen Revue "Samt und Seide". Sie wurde zu Karneval 1938 ein umjubelter Erfolg. Paula Schiffer, heute 90 Jahre, sang die Titelrolle. Es folgten 16 Aufführungen im stets ausverkauften Saal von Dammer. Das Hauptlied wurde zur Lobbericher Nationalhymne. Der Lohn für die Akteure war eine gemeinsame Reise. Heute, nach 66 Jahren, erklingt diese schöne Melodie, die an die erfolgreiche Samt- und Seidenzeit erinnert, immer noch als Nationalhymne Lobberichs. (reinhören: download: (4MB) )

Erste Vorboten des Krieges

Sommer 1938. Die Melodien waren verschwunden. Das Land lag vermeintlich, im tiefen Frieden. Nur dieser merkwürdige Stab, deren Bedeutung keiner kannte, klopfte überall gelbe, grüne, rote und schwarze Pfähle in den Boden. In dieser Zeit erreichten uns an einem Sommertag - wie wir heute wissen - die Vorboten des Krieges. Verschiedene Bürger wurden mit ihren Betrieben zum Dienst verpflichtet. Sie erhielten den Auftrag, in den noch bestehenden Liegenschaften der Firma Niedieck Unterkünfte für 2.000 bis 3.000 Bauarbeiter zu erstellen. Der Bau des Westwalls hatte unser Gebiet erreicht.


Reichsarbeitsdienst - Lager. Repro: Archiv Lobberland

Stacheldraht und Bunkerbefestigungen

Nach wenigen Wochen rückten hunderte Busse aus Berlin, Leipzig, Dresden, Halle und dem ganzen Reichsgebiet an. In Wechselschichten wurden die Befestigungsbauwerke vorangetrieben. Radikal verwandelte sich erneut in wenigen Monaten die Landschaft. Die erst kürzlich errichteten Freizeitanlagen wurden niedergewalzt. An den mit bunten Pfählen markierten Stellen entstanden Bunkerbefestigungen. Zehn Meter breite Stacheldrahtfelder wurden von Brüggen entlang der Schwalm bis nach Boisheim, der Nette folgend, bis über die Buschberge hinaus gezogen. Soweit das Auge reichte, Baustelle an Baustelle. Im Oberbocholt wurden im Boden liegende Unterkünfte für die große Flakbatterie der Luftverteidigungszone West erstellt. In einer alten Fabrikhalle wurden Scheinwerfer mit einem Durchmesser von 1,50 und zwei Meter sowie Horchgeräte untergebracht, die dann abends im Sassenfeld, Marfeld und Oirlich in Stellung gebracht wurden. So verging der Winter 1938/39.
Der Karnevalsverein Heideröschen übertraf sich wieder selbst mit einem erneut tollen Programm und vielen Afführungen.

1939, der letzte Vorkriegssommer schlich durchs Land. Eine beklemmende Stimmung machte sich in der Bevölkerung breit, viele besuchten die Kirchen. So erinnere ich mich an einen Sonntag Anfang September 1939. Beim Verlassen der Kirche standen die Ortspolizisten Schlüter und Stellkens bereit, drückten uns Dienstverpflichtungen in die Hand, mit der Aufforderung, nach Hause zu gehen, Arbeitskleidung anzuziehen und am Güterbahnhof zu erscheinen. Dort stand ein langer Güterzug mit Lebensmitteln, die entladen werden mussten. Man hatte vergessen, Fahrzeuge und Mannschaften hierfür bereit zu stellen. Ein Zahlmeister sprach uns Jungens an: "Kennt ihr niemanden, der ein Fahrzeug zur Verfügung stellen kann?" Zuhause stand noch ein alter Ford, den wir für unsere Fahrten durchs Bocholter Feld benutzten. Kaum hatten wir dieses gesagt, befahl er, ihn sofort zu holen. Wir wurden dienstverpflichtet und durften nun ohne Führerschein offiziell fahren. Benzin erhielten wir soviel, wie benötigt wurde.

Eine Flasche Henkell im Sektkühler

Drei Tage haben wir Butter und Fleischkonserven gefahren. Als Lohn erhielten jeder von uns 135 Mark. Stolz zogen wir zu Ludwigs an die Theke. "Bitte eine Flasche Henkell trocken im Sektkühler und drei Gläser." Den Sektkühler hatten wir schon einmal bei vornehmen Gästen gesehen. Entgeistert schaute uns die Wirtin Sophia Ludwigs an: "Noch ens, wat wollt ör?" "Eine Flasche Henkell trocken im Sektkühler und drei Gläser!" Da sie unsere ewig knappe Kassenlage kannte, fragte sie uns: "Könnt ör dat denn och betale?" Stolz wiesen wir unsere Portemonnaies vor und bekamen den Sekt. Schnell sprach sich diese Geschichte herum und man lobte uns: "Nänä, wat sitt ör vür döchtige Jonges. Die irschte Kriegsgewinnler!"


"Der Krieg ist längst verloren"

Am 10. Mai 1940 wurde Venlo besetzt

Es wurden denkwürdige Tage. Auf den Straßen marschierten unentwegt Truppen. Auf einmal stellten wir fest, dass es sich immer um die gleichen Truppen handelte. Um zu bluffen, mussten einige Einheiten den Niederrhein auf- und abmarschieren. Ende Oktober 1939 kam die 30. Infantriedivision mit General von Briesen in unser Gebiet und bald gab es mehr Soldaten als Einwohner. Jede freie Ecke war mit Fahrzeugen, alle Ställe mit Pferden belegt. Jedes Hinterzimmer einer Gaststätte wurde zur Schreibstube. Schnell entwickelte sich ein gutes Verhältnis zwischen den Bürgern und Soldaten. Durch die Einquartierungen erhielt die Landwirtschaft nach langen, bitteren Jahren endlich wieder Einnahmen. Bei den meisten Bauern konnten dadurch drückende Bankschulden getilgt werden. Die Landser halfen, wo sie nur konnten.

Sonntags spielten die Kapellen der Regimenter auf Plätzen, vor Kirchen und gaben Konzerte. Es wurde "unheimlich" friedlich. An der Westfront fiel kein Schuss - nur gelegentlich huschte ein englischer Aufklärer über das Land. Wie wir heute wissen, haben die Engländer von Juni/Juli 1939 an monatlich das Gebiet aufgenommen. Sie wussten, was los war! Nur gelegentlich bildeten die großen Scheinwerfer der Flak einen hohen Lichtdom über Lobberich. Im Dezember wurden, wie üblich, Weihnachtseinkäufe getätigt. Die Soldaten fuhren in zwei Schichten in den Weihnachsturlaub, während die andere Hälfte still und friedlich Wache hielt. In Erinnerung sind die Weihnachtsfeiern der Kompanien mit Einladungen für ihre Quartiergeber, die reich gedeckten Tische mit fröhlichem Umtrunk und zu Weihnachten ein gewaltiger Lichtdom der Flakscheinwerfer über der Kirche von Lobberich geblieben, Erst Mitte Januar 1940 lief der Dienst wieder an.

Eine besondere Kompanie war die Radfahrerkompanie, die am Flothend, Onnert und Leuterheide im Quartier lag zu meist Reservisten aus Elmshorn, Neumünster, Harnburg und Bremen. Zu ihnen gehörten drei tolle Jungs, die kleine Barkapelle des Luxusdampfers Bremen. Sie spielten bei Ludwigs zum Tanz: Swing, Jazz, Broadwaymelodien, die neuesten amerikanischen und englischen Schlager. Den Nazis war dies ein Dorn im Auge. Sie pöbelten nicht nur die Besucher, sondern. auch die Soldaten mit ihre Begleiterinnen an - "Negermusik. Unerhört, eine deutsche Frau gehört da nicht hin." Die Pöbeleien blieben nicht ohne Folgen, Es kam zu Schlägereien, bei denen die Nazis den Kürzeren zogen. Der Ortsgruppenleiter verlangte die Bestrafung der Schuldigen. Die Kompanie musste im harten Hut antreten. Die Nazis konnten jedoch niemanden erkennen. Mit salbungsvollen Worten forderte der Kompaniechef seine Landser auf, Schuldige zu melden. Nun kannten die Soldaten ihre Widersacher.


Schanzarbeiten Bocholt 1940  - Repro: Lobberland

Fliegerbomben in Kaldenkirchen

Bald häufte sich der Alarm. Die Truppen verschwanden in den Grenzwäldern. Am 10. Mai 1940 wurde Venlo besetzt. Bei den Kampfhandlungen wurde die Brücke über die Maas gesprengt. Auf ihr starben Soldaten, die in Hinsbeck-Hombergen im Quartier lagen. In der Nacht fielen die ersten Fliegerbomben in Kaldenkirchen. In unserer grenzenlosen Neugier rasten wir Jungs morgens nach Kaldenkirchen, um gleich denn ersten Schock zu bekommen. So also sah Krieg aus: Zerstörte Häuser, zerfetzte Menschen und Tiere. Dieser Anblick sollte uns für fast fünf Jahre begleiten.


Hochstraße nach dem Absturz einer V1 - Repro: Lobberland

Im September 1944 steigerte sich nochmals das Kriegsgeschehen. Auch die Nachrichten, die Prof. Dr. Max Haas aus Berlin mitbrachte, verhießen nicht Gutes, Als Mitglied des Oberkommandos der Wehrmacht und Wehrwirtschaftsführer kannte er viele Details über die wirkliche Lage. In dieser Zeit rief Hitlers Rüstungsminister Speer eine Geheimkonferenz der Wirtschaftsführer ein und erklärte: "Mein Herren, der Krieg ist längst verloren. Wir stehen vor der völligen Vernichtung unserer Industrie! Retten Sie, was zu retten ist. Bringen Sie Ihre wichtigsten Unterlagen, Konstruktionszeichnungen und Forschungsergebnisse an mehreren Stellen im Reich in Sicherheit. Aber nicht nach Osten über die Oder und nicht nach Westen über den Rhein. Mehr kann ich nicht mehr tun. Alles Gute."

Prof. Haas und Pierburg waren zu dieser Schicksalssitzung geladen und handelten. Haas beschwor nun Pierburg, entgegen der Speerschen Meinung, nach Westen über den Rhein zu gehen und alle wichtigen Unterlagen im Hause seiner Mutter in der Kempener Straße in Lobberich einzumauern. Die Unterlagen der Solex-Fabrikation konnten trotz des Bombenkriegs nach Lobberich gebracht werden. In unserem Gebiet ging der Krieg im März 1945 zu Ende.

Jedes deutsche Auto fuhr mit einem Solex-Vergaser. Diese Vergaser wurden nach französischen Patenten und Lizenzen in Berlin und Mitteldeutschland gebaut. Der deutsche Lizenznehmer war Herr Pierburg sen.. Die Herstellerbetriebe waren in die Hände der Russen gefallen und bis zum letzten Lichtschalter demontiert worden. Die Familie Pierburg wurde in der letzten Minute von den Engländern aus Berlin gerettet, von dort sofort in die britische Zone nach Lobberich gebracht. Den Mitarbeitern hatte man Anweisung gegeben, sich so bald wie möglich nach Lobberich durchzuschlagen. Von den Franzosen wurde Pierburg nach Paris gebracht. Er musste fürchten, dass alle Lizenzen etc. als Reparation eingezogen würden. Zu seiner großen persönlichen Überraschung standen die Franzosen jedoch zu allen Verträgen, die mit seinem Vater abgeschlossen worden waren. Der Wiederaufbau begann nun in Lobberich.

Der Ortskern veränderte sich

Lobberich hatte wieder Tritt gefasst und als erste Gemeinde weit und breit einen Werbering gegründet, der mit seinem Gewinn- und Rabattsystem erfolgreich war. Rund um den alten Stadtkern entstanden neue Wohngebiete und Schulen. Die ersten Wohnblocks entstanden, um den einströmenden Menschen Wohnraum zu geben. Das Krankenhaus in Lobberich wurde erweitert. Der Ortskern veränderte sich. Die alten Kastanienbäume am Markt waren in den kalten Wintern 1946/47 und 48 gefällt und verheizt worden.


Marktstraße mit Kastanienbäumen vor 1946/47 - Repro: Lobberland

Die erste Zeit nach dem Krieg war hart und grausam. Aber in diese Zeit fiel auch der Wiederaufstieg von Niedieck unter der couragierten Leitung von Herrn Erich Selbach. Niedieck Brillant wurde wieder ein Begriff in der Modewelt. Nach dem Tod von Herrn Selbach trat dann wieder der uralte Rhythmus des Samtes ein.  Dem Nachfrageboom folgte eine lange Zeit, indem der Samt aus der Mode kam. Der sich stetig verschärfende internationale Konkurrenzkampf brachte letztlich die Firmen Niedieck und Girmes zum Erliegen. Der einmal blühende Fremdenverkehr verschwand ebenso.

Das fröhliche Haus Ludwigs am See, in dem viele Generationen ausgelassen gefeiert haben, wurde schon vor vielen Jahren abgebrochen. Lobberich hat bis heute keinen adäquaten Ersatz gefunden.


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